Woher das Wort Gardine wirklich stammt

Gardine: Herkunft und Wortgeschichte im Überblick

Lesezeit ca. 7 Min. · zuletzt aktualisiert: 2. Oktober 2026 · Wortherkunft

Gardine klingt nach einem urdeutschen Alltagswort, hat aber eine lange Wanderung hinter sich: über das Niederländische und das Französische bis zum kirchenlateinischen Wort für Vorhang. Die mittleren Stufen dieser Wanderung sind in DWDS, Duden und Wiktionary übereinstimmend belegt, beim griechischen Anfang weichen die Angaben voneinander ab.

Woher kommt das Wort Gardine?

Gardine kam über das Niederländische (gordijn) und das Niederdeutsche ins Hochdeutsche, geht über französisch courtine auf kirchenlateinisch cortina (Vorhang) zurück und bezeichnete zuerst den Bettvorhang, nicht den Fenstervorhang. Das DWDS und der Duden belegen diese Kernaussage mit eigenen Angaben.

Das DWDS nennt als unmittelbare Vorstufe mittelniederländisch gordine, gardine, gordijn mit der Bedeutung Bettvorhang. Davor steht nach dieser Quelle gleichbedeutend altfranzösisch cortine, dessen französische Form courtine lautet. Hinter Gardine steht französisch courtine, ein bekannter Weg für Fremdwörter aus dem Französischen, die über Umwege ins Deutsche kamen. Noch weiter zurück verweist das DWDS auf spätlateinisch cortina mit der Bedeutung Tempelvorhang, also ein Wort, das ursprünglich einen kirchlichen oder religiösen Zusammenhang hatte.

Der Duden beschreibt denselben Weg mit eigenen Stationen: aus dem Niederdeutschen, niederländisch gordijn, ursprünglich gleich Bettvorhang, französisch courtine, kirchenlateinisch cortina gleich Vorhang. Beide Wörterbücher stimmen damit in der Abfolge Niederländisch, Französisch, Kirchenlatein überein, auch wenn sie unterschiedliche Zwischenschritte betonen. Beide halten außerdem fest, dass die ursprüngliche Bedeutung der Bettvorhang war und nicht der Vorhang am Fenster.

Heute steht Gardine für einen leichten Vorhang, der an Fenstern hängt. Diese engere, auf das Fenster bezogene Bedeutung ist damit jünger als die Herkunft des Wortes selbst, das lange Zeit auch für den Vorhang am Bett stand. Wer die Geschichte des Wortes verstehen will, muss also zwei Dinge trennen: den sprachlichen Ursprung bei einem kirchenlateinischen Vorhangwort und die heutige, engere Verwendung für das Fenster.

Gardine: Herkunft und Wortgeschichte: der Ablauf in drei Schritten

Welche Stationen durchläuft das Wort bis ins Deutsche?

Die folgende Tabelle fasst die vom DWDS genannten Stufen zusammen, von der mutmaßlich griechischen Grundlage bis zur hochdeutschen Form Gardine. Am Anfang der Kette steht nach Pfeifer griechisch aulaia; Fremdwörter aus dem Griechischen erreichten das Deutsche in diesem Fall über das Lateinische, so auch Gardine.

Tabelle: Stufe, Form, Sprache, Zeit
StufeFormSpracheZeit
1aulaia (Vorhang), aule (Hof, umhegter Hofraum)Griechischohne Datierung
2cohors, chors (eingezäunter Hofraum, Viehhof)Lateinischohne Datierung
3cortina ((Tempel)vorhang)Spätlateinisch, Kirchenlateinischohne Datierung
4cortine, courtineAltfranzösisch, Französischohne Datierung
5gordine, gardine, gordijn (Bettvorhang)Mittelniederländischohne genauere Datierung
6gardyn, gardijn; gardine; GardineNiederrheinisch; Mittelniederdeutsch; Hochdeutsch1477 und 1495; 16. Jahrhundert; Anfang des 17. Jahrhunderts bis ins 19. Jahrhundert Bettvorhang

Die Tabelle zeigt, dass Gardine zunächst den Bettvorhang meinte und erst spät seine heutige, engere Bedeutung bekam. Im Oberdeutschen wurde das Wort laut DWDS nicht heimisch, dort sagt man stattdessen Vorhang. Das Wort verlief also nicht gleichmäßig über den gesamten deutschen Sprachraum, sondern setzte sich zunächst in bestimmten Gegenden durch.

Das Wiktionary ergänzt diese Angaben um eigene Datierungen: Niederrheinisch gardijn und gardyn seien seit dem späten 15. Jahrhundert belegt, mittelniederdeutsch seit dem 16. Jahrhundert, und im frühen 17. Jahrhundert sei das Wort ins Hochdeutsche gelangt. Diese Angaben decken sich im Ablauf mit dem DWDS, auch wenn das Wiktionary die Jahrhunderte etwas anders benennt als genaue Jahreszahlen.

Was ist bei Gardine gesichert, was nicht?

DWDS, Duden und Wiktionary nennen übereinstimmend die Kette Lateinisch cortina, Altfranzösisch cortine, Mittelniederländisch gordijn, Gardine. Diese Abfolge der Zwischenstufen gilt damit als der am besten belegte Teil der Wortgeschichte, weil sie in allen drei Quellen unabhängig auftaucht.

Uneinig sind sich die Quellen beim griechischen Ursprung. Der Duden nennt griechisch chórtos mit der Bedeutung Einzäunung, Hofraum, als Ausgangspunkt. Das DWDS beschreibt dagegen, dass lateinisch cohors griechisch aulaia (Vorhang) übersetze, weil griechisch aulḗ (Hof) mit cohors wiedergegeben werde. Das Wiktionary formuliert vorsichtiger: letztlich wohl griechisch, ohne ein konkretes griechisches Wort zu nennen. Diese drei Angaben lassen sich nicht zu einer einheitlichen Aussage verschmelzen, sie beschreiben unterschiedliche Herleitungswege zum griechischen Sprachraum.

Einen weiteren Vorbehalt nennt das DWDS zur Schreibung Guardine, die im 18. Jahrhundert anzutreffen war. Diese Schreibung sei historisch nicht berechtigt und beruhe vielleicht auf einer Anlehnung an italienisch oder spanisch guardia. Das Wort vielleicht zeigt, dass selbst das DWDS hier keine sichere Erklärung liefert, sondern nur eine Vermutung formuliert.

  • Bettvorhang als ursprüngliche Bedeutung (DWDS, Duden, Wiktionary)
  • Lateinisch cohors, cors als Hofraum in der Wortgeschichte (DWDS, Duden, Wiktionary)
  • Unterschiedliche griechische Anknüpfung (Duden: chórtos, DWDS: aulaia über cohors, Wiktionary: nur letztlich wohl griechisch)

Gardine ist eines der Lehnwörter im Deutschen, bei denen die Quellen den griechischen Ursprung nicht einheitlich beschreiben. Zum griechischen Teil der Herkunft stehen damit drei verschiedene Angaben nebeneinander, eine einheitliche Herleitung gibt es nicht. Die mittleren Stationen über Latein, Französisch und Niederländisch gelten dagegen als übereinstimmend belegt.

Welche verwandten Wörter und Varianten gibt es?

Um Gardine herum hat sich im Deutschen eine ganze Reihe von Wortbildungen gebildet, die das DWDS und das Wiktionary beide nennen. Dazu gehört die Gardinenpredigt, die laut DWDS Vorwürfe bezeichnet, die eine Ehefrau ihrem Mann unter vier Augen macht, belegt seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eigentlich meinte der Ausdruck die Strafrede hinter dem Bettvorhang, was noch einmal auf die ursprüngliche Bedeutung von Gardine als Bettvorhang zurückgreift.

Weitere Wortbildungen, die das DWDS nennt, sind Gardinenstange, Gardinenschnur, Fenstergardine, Tüllgardine und Spitzengardine. Das Wiktionary führt außerdem Gardinenstoff auf. Gardinenstange, Gardinenpredigt und Fenstergardine sind Komposita, in denen Gardine vorn oder hinten steht. Solche Zusammensetzungen zeigen, wie fest das Wort im deutschen Wortschatz verankert ist, auch wenn seine Herkunft fremdsprachlich ist.

Das DWDS nennt außerdem eine Verwandtschaft zu neuhochdeutsch Garten, die über die gemeinsame lateinische Wurzel cohors (Hofraum) besteht. Diese Verwandtschaft wird nur vom DWDS so beschrieben.

  • Gardinenpredigt (DWDS)
  • Gardinenstange (DWDS, Wiktionary)
  • Gardinenschnur (DWDS, Wiktionary)
  • Fenstergardine (DWDS)
  • Tüllgardine (DWDS)
  • Spitzengardine (DWDS)

Bei den Synonymen nennt der Duden Marquisette und Store, dazu in der Schweiz Storen. Das Wiktionary führt als Synonyme Vorhang und Store. Vorhang taucht damit bei beiden Quellen als naheliegendstes deutsches Wort für dieselbe Sache auf, während Marquisette, Store und Storen eigenständige Bezeichnungen für verwandte Textilien oder Vorrichtungen sind.

Wie wird Gardine heute verwendet?

Gardine ist ein feminines Substantiv mit der Pluralform Gardinen. Nach DWDS und Duden bezeichnet das Wort heute vor allem einen leichten Vorhang an Fenstern. Das DWDS nennt daneben eine veraltende Bedeutung aus dem Theaterbereich: einen leichten Vorhang als Abschluss der Bühne zum Zuschauerraum.

Zum alltäglichen Gebrauch passen Wendungen wie Gardinen aufhängen, abnehmen, spannen oder zuziehen, die der Duden als Beispiele nennt. Sie hängt neue Gardinen im Wohnzimmer auf. Er zieht abends die Gardinen zu, bevor er das Licht anmacht. Die Gardinen im Esszimmer sind frisch gewaschen und gespannt.

Daneben steht die umgangssprachliche, scherzhafte und laut Duden veraltende Wendung hinter schwedischen Gardinen für im Gefängnis. Er saß drei Jahre hinter schwedischen Gardinen. In dem alten Film landet der Dieb am Ende hinter schwedischen Gardinen. Die Figur im Roman spricht offen darüber, wie es hinter schwedischen Gardinen war.

Der Duden leitet diese Wendung aus der Gaunersprache her. Dort steht Gardinen ironisch für Gitterstäbe, während sich das Attribut schwedisch auf die Beschaffenheit der Gefängnisgitter aus schwedischem Stahl bezieht. Diese Erklärung bleibt an die Quelle gebunden: Der Duden beschreibt eine sprachliche Herleitung der Wendung, keine Aussage darüber, wie verbreitet sie heute tatsächlich noch ist. Zusammengenommen zeigt der heutige Gebrauch zwei Pfade: die wörtliche Bedeutung als Fenstervorhang und die übertragene, umgangssprachliche Bedeutung in der genannten Wendung.

Gardine: Herkunft und Wortgeschichte: Prüfliste mit vier Punkten

Was bleibt bei der Herkunft von Gardine offen?

Trotz der übereinstimmenden mittleren Stationen lassen DWDS, Duden und Wiktionary einige Punkte offen, die sich nicht zu einer einzigen Aussage zusammenfügen lassen. Diese Lücken betreffen unterschiedliche Teile der Wortgeschichte.

  • Welches griechische Wort am Anfang steht, lassen die Quellen nebeneinander stehen: chórtos beim Duden, aulaia und aulḗ beim DWDS, beim Wiktionary nur die vorsichtige Angabe letztlich wohl griechisch ohne konkretes Wort.
  • Woher die im 18. Jahrhundert belegte Schreibung Guardine kam, sagt das DWDS nur mit der Formulierung vielleicht, als Anlehnung an italienisch oder spanisch guardia.
  • Wie verbreitet das Wort in einzelnen Regionen des deutschen Sprachraums tatsächlich war und ist, sagen die Wörterbücher nicht im Detail. Festgehalten ist beim DWDS lediglich, dass es im Oberdeutschen nicht heimisch wurde.

Diese drei offenen Punkte betreffen unterschiedliche Teile der Wortgeschichte: den fernsten griechischen Ursprung, eine einzelne historische Schreibvariante und die regionale Verteilung des Wortes. Keiner dieser Punkte widerspricht der mittleren, gut belegten Kette aus Latein, Französisch und Niederländisch, sie zeigen aber, wo die Herleitung an ihre Grenzen kommt.

Als Merksatz lässt sich festhalten: Gardine führt aus lateinisch cortina über französisch courtine und niederländisch gordijn ins Deutsche, wo das Wort zuerst den Bettvorhang bezeichnete und erst später zur Gardine am Fenster wurde, so wie man sie heute kennt.

Quellen und Stand

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Häufige Fragen zur Herkunft von Gardine

Was bedeutete Gardine zuerst?

Das DWDS und der Duden geben an, dass Gardine zuerst den Bettvorhang meinte, nicht den Fenstervorhang. Das Wort wanderte über das Niederländische ins Niederdeutsche und erst danach ins Hochdeutsche, wo es laut DWDS bis ins 19. Jahrhundert diese ältere Bedeutung trug.

Woher stammt die Schreibung Guardine?

Das DWDS nennt eine im 18. Jahrhundert anzutreffende Schreibung Guardine und bezeichnet sie als historisch nicht berechtigt. Als Grund nennt die Quelle nur vorsichtig eine mögliche Anlehnung an italienisch oder spanisch guardia, mit dem Wort vielleicht.

Ist Gardine im ganzen deutschen Sprachraum gleich gebräuchlich?

Die regionale Verbreitung des Wortes Gardine ist nicht abschließend geklärt. Festgehalten ist nur, dass das Wort im Oberdeutschen nicht heimisch wurde, wo stattdessen Vorhang gilt.

Stammt Gardine direkt aus dem Griechischen?

Die drei Quellen stellen das unterschiedlich dar. Der Duden nennt griechisch chórtos als Ausgangspunkt, das DWDS beschreibt eine Übersetzung von griechisch aulaia über lateinisch cohors, und das Wiktionary schreibt nur, die Herkunft sei letztlich wohl griechisch, ohne ein griechisches Wort zu nennen.

Was bedeutet die Wendung hinter schwedischen Gardinen?

Laut Duden ist das eine umgangssprachliche, scherzhafte und veraltende Wendung für im Gefängnis. Sie stammt aus der Gaunersprache, Gardinen steht dabei ironisch für Gitterstäbe, und das Attribut schwedisch bezieht sich auf die Beschaffenheit der Gefängnisgitter aus schwedischem Stahl.

Welche Wortart hat Gardine und wie lautet der Plural?

Gardine ist laut DWDS und Duden ein feminines Substantiv. Der Genitiv Singular lautet der Gardine, der Nominativ Plural Gardinen.

Gehört Gardine zu Garten?

Das DWDS nennt neuhochdeutsch Garten als mit Gardine verwandt, über die gemeinsame Herkunft aus lateinisch cohors. Diese Verwandtschaft wird nur vom DWDS so benannt, Duden und Wiktionary äußern sich dazu nicht.

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