Semistrukturiertes Interview sicher einordnen und anwenden
Semistrukturiertes Interview
Das semistrukturierte Interview verbindet einen vorgegebenen Leitfaden mit offenen Antworten. Hier findest du die fachliche Einordnung, den Aufbau, einen Ablauf, ein Beispiel und einen abschließenden Qualitätscheck.
Was ein semistrukturiertes Interview fachlich bedeutet
Ein semistrukturiertes Interview kann als leitfadengestütztes Interview eingeordnet werden. Die Quelle verwendet hierfür auch die Bezeichnungen halbstandardisiertes, teilstandardisiertes und offenes Leitfadeninterview. Kennzeichnend ist, dass ein Leitfaden die Gesprächsgegenstände und deren Abfolge festlegt.
Beim wissenschaftlichen Arbeiten kannst du prüfen, ob die gewählte Bezeichnung zur beschriebenen Befragungsform passt. Vergleiche dazu die Themen und ihre Reihenfolge in deinem Leitfaden mit der Darstellung der Methode. Benenne die Form nur dann als leitfadengestützt, halb- oder teilstandardisiert, wenn dieser Bezug erkennbar ist.
Die Quelle zählt das leitfadengestützte Interview nicht zu den klassischen Instrumenten der sozialwissenschaftlichen Datenerhebung und beschreibt zugleich, dass es häufig verwendet wird. Sie nennt als möglichen Hintergrund, dass narrative Formen als wenig geordnet oder sprunghaft wirken können, wodurch ihre Auswertung schwieriger werden kann. Prüfe, ob deine Einordnung diese quellengebundene Abgrenzung und Begründung zutreffend wiedergibt.
Im Unterschied zu nichtstandardisierten Erhebungen bestimmt der Leitfaden den Gesprächsrahmen stärker. Befragte setzen dabei keinen eigenen Relevanzrahmen und entfalten keine eigene Erzähllogik. Prüfe, ob dein Text dieses Verhältnis zwischen Vorgaben des Leitfadens und den Antworten entsprechend beschreibt.
Als Vorteil gegenüber einem Fragebogen nennt die Quelle, dass Befragte mit eigenen Worten antworten und dafür ausreichend Zeit und Raum haben können. Prüfe, ob du diese Aussage auf die beschriebene Befragungstechnik beschränkst.

Begriff, Merkmale und Bestandteile des Aufbaus
Den Ausgangspunkt bildet der Leitfaden: Er legt von Beginn an die Themen sowie ihre Reihenfolge fest und gibt dem Gespräch damit eine Orientierung.
Zu den Bestandteilen gehören Schlüsselfragen. Sie sollen gestellt werden, damit das Thema berücksichtigt wird. Lege im Leitfaden fest, welche Fragen diesen Zweck erfüllen.
Danach können immanente Nachfragen folgen. Sie knüpfen an bereits Gesagtes an und ergänzen die Schlüsselfragen. Notiere während des Gesprächs, welche Aussage eine solche Nachfrage aufgreift.
Gegen Ende des Interviews sieht die Quelle einen exmanenten Nachfrageteil vor. Dort kommen Themen zur Sprache, die Befragte als interessant empfinden könnten und die durch Schlüsselfragen nicht erfasst wurden. Dieser Teil kann zeigen, welche angrenzenden Themen sie für bedeutsam halten.
Die Quelle beschreibt somit eine Reihenfolge aus den durch den Leitfaden bestimmten Themen und Schlüsselfragen, anschließenden immanenten Nachfragen und dem exmanenten Nachfrageteil zum Ende des Interviews.
Wechselt eine befragte Person das Thema oder schweift ab, führt die interviewende Person sie vorsichtig zum Thema zurück. Die Reihenfolge des Leitfadens bleibt damit bestehen; zugleich können Befragte in eigenen Worten antworten.
Schritt für Schritt vom Leitfaden zum Gespräch
- Thema und Reihenfolge festlegen: Formuliere zuerst die Themen, die im Gespräch behandelt werden sollen, und ordne sie in einer Reihenfolge an. Das Ergebnis ist ein Leitfaden mit einem erkennbaren thematischen Verlauf.
- Schlüsselfragen bestimmen: Markiere anschließend die Fragen, die auf jeden Fall gestellt werden sollen. Das Ergebnis ist der verbindliche Kern des Interviews.
- Immanente Nachfragen vorbereiten: Plane Nachfragen, die an eine bereits gegebene Antwort anschließen. Das Ergebnis ist ein Nachfragerahmen, der Gesagtes aufgreift und die Schlüsselfragen ergänzt.
- Exmanente Nachfragen am Ende vorsehen: Halte einen späteren Abschnitt für Themen frei, die nicht durch die Schlüsselfragen abgedeckt wurden, aber von der befragten Person als angrenzend und bedeutsam angesehen werden könnten. Das Ergebnis ist ein eigener Abschlussbereich für zusätzliche Themen.
- Das Gespräch am Leitfaden ausrichten: Führe durch die Themen und ihre Reihenfolge. Wenn die interviewte Person abschweift oder das Thema wechselt, führe sie vorsichtig zurück. Das Ergebnis ist ein Gespräch, in dem der thematische Rahmen erhalten bleibt.
- Antworten in eigenen Worten zulassen: Gib der befragten Person ausreichend Zeit und Raum für die Antwort. Das Ergebnis ist eine Antwort, die nach der Quelle in eigenen Worten erfolgen kann.
- Die Gesprächsbestandteile dokumentieren: Halte für die spätere Darstellung fest, welche Schlüsselfragen gestellt wurden, welche immanenten Nachfragen an Gesagtes anschlossen und welche exmanenten Themen gegen Ende aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist eine nachvollziehbare Beschreibung des konkreten Aufbaus.
- Die Methode im eigenen Text benennen: Beschreibe abschließend, dass es sich um ein leitfadengestütztes, halb- oder teilstandardisiertes Interview beziehungsweise ein offenes Leitfadeninterview handelt. Das Ergebnis ist eine fachlich zugeordnete Darstellung der verwendeten Befragungsform.
Der Ablauf verbindet damit feste Elemente und offene Antworten. Festgelegt sind die Themen, ihre Reihenfolge und die Schlüsselfragen. Offen bleibt die konkrete Antwort in eigenen Worten. Die Nachfragen entstehen entweder aus dem bereits Gesagten oder aus dem exmanenten Abschnitt gegen Ende.
Ein kurzes durchgängiges Anwendungsbeispiel
Angenommen, du möchtest ein Interview zu einem klar abgegrenzten Thema für einen wissenschaftlichen Text vorbereiten. Du beginnst mit einem Leitfaden und ordnest darin Themen in einer festen Reihenfolge. Zu jedem Themenbereich formulierst du eine Schlüsselfrage. Diese Fragen bilden den Kern des Gesprächs und sollen auf jeden Fall gestellt werden.
Die befragte Person beantwortet die erste Schlüsselfrage ausführlich. Du greifst eine Aussage aus dieser Antwort auf und stellst dazu eine immanente Nachfrage. Das Ergebnis ist eine Ergänzung, die unmittelbar an das bereits Gesagte anschließt. Danach führst du das Gespräch anhand der vorgesehenen Themen weiter.
Während des Gesprächs wechselt die befragte Person zu einem anderen Aspekt. Du führst vorsichtig zum vorgesehenen Thema zurück. Das Ergebnis ist, dass die thematische Reihenfolge des Leitfadens erhalten bleibt und die befragte Person weiterhin in eigenen Worten antworten kann.
Am Ende prüfst du, ob ein angrenzendes Thema angesprochen werden soll, das in den Schlüsselfragen noch nicht enthalten war. Du nimmst es im exmanenten Nachfrageteil auf. Das Ergebnis ist ein abschließender Gesprächsabschnitt für ein zusätzliches, als bedeutsam betrachtetes Thema.
In deinem Text kannst du dieses Beispiel als leitfadengestütztes, halb- oder teilstandardisiertes Interview beschreiben. Sichtbar bleiben dabei die belegten Merkmale: ein Leitfaden mit Themen und Reihenfolge, Schlüsselfragen, immanente Nachfragen, ein exmanenter Nachfrageteil gegen Ende sowie eine vorsichtige Rückführung zum Thema, falls die befragte Person abschweift.

Definition, Abgrenzung und formale Prüfung
Definition prüfen: Steht ausdrücklich fest, dass das Interview leitfadengestützt ist? Werden die belegten Bezeichnungen halbstandardisiert, teilstandardisiert oder offenes Leitfadeninterview passend verwendet? Ist erkennbar, dass der Leitfaden Themen und ihre Reihenfolge vorgibt?
Zentrale Merkmale prüfen: Enthält die Erklärung die Schlüsselfragen, die auf jeden Fall gestellt werden sollen? Werden immanente Nachfragen als Nachfragen beschrieben, die bereits Gesagtes aufgreifen und ergänzen? Ist der exmanente Nachfrageteil gegen Ende des Interviews sichtbar? Wird außerdem berücksichtigt, dass die interviewende Person bei Abschweifungen vorsichtig zum Thema zurückführt?
Anwendung prüfen: Ist der Ablauf vom Leitfaden über die Schlüsselfragen bis zu den Nachfragen nachvollziehbar? Hat jeder Schritt ein erkennbares Ergebnis? Wird der Antwortspielraum anhand von Antworten in eigenen Worten sowie Zeit und Raum für die Antwort beschrieben?
Abgrenzung prüfen: Wird die Methode von nichtstandardisierten Erhebungsformen unterschieden, ohne eine weitergehende Einteilung zu erfinden? Ist der durch den Leitfaden bestimmte Gesprächsrahmen erkennbar? Werden eigener Relevanzrahmen und eigene Erzähllogik nur im Zusammenhang mit der Quellenbeschreibung genannt? Bleibt der Unterschied zum Fragebogen auf Antworten in eigenen Worten sowie Zeit und Raum begrenzt?
Formale Prüfung: Prüfe, ob die Überschrift, die Definition, die Merkmale und das Beispiel dieselbe Bezeichnung verwenden. Prüfe außerdem, ob die Bestandteile in der beschriebenen Reihenfolge erscheinen: Leitfaden, Schlüsselfragen, immanente Nachfragen und exmanenter Nachfrageteil gegen Ende. Entferne jede zusätzliche Aussage zu Epochen, Jahreszahlen, Pflichten, Fristen, garantierten Wirkungen oder allgemeinen Fachregeln, wenn sie nicht aus der belegten Quelle folgt.
Die Abgrenzung und die formale Prüfung bleiben getrennt: Die Abgrenzung klärt, wodurch sich die Befragungsform von anderen genannten Formen unterscheidet. Die formale Prüfung kontrolliert anschließend, ob die Darstellung vollständig, geordnet und frei von unbelegten Ergänzungen ist.
Passende nächste Schritte
Quellen und Stand
- Fachquelle: home.uni-leipzig.de (geprüft am 2026-08-15)