Leitfadeninterview führen und auswerten
Leitfadeninterview – Vorbereitung, Durchführung, Auswertung
Das Leitfadeninterview ist die mittlere Variante zwischen vollstrukturiertem Fragebogen und freiem Gespräch. Du hast einen Leitfaden mit Hauptfragen vorbereitet, lässt aber Raum für Nachfragen und unerwartete Wendungen. In der Bachelor- und Masterarbeit ist das Leitfadeninterview eine der häufigsten qualitativen Methoden – sowohl mit Expert*innen als auch mit Laien (z. B. Studierenden, Eltern, Patient*innen). Wir zeigen dir, wie der Leitfaden aufgebaut ist, wie du das Interview durchführst und wie die Auswertung funktioniert.
Wann passt ein Leitfadeninterview?
Wenn du verstehen willst, wie Personen ein Phänomen erleben, wie sie es einordnen, welche Bedeutung sie ihm geben. Bei reinen Faktenfragen ist eine standardisierte Befragung effizienter. Bei sehr offenen Themen ist ein narratives Interview besser. Das Leitfadeninterview ist der Mittelweg – strukturiert genug, um vergleichbar zu sein; offen genug, um Tiefe zu gewinnen.
Aufbau eines Interviewleitfadens
Standard-Aufbau:
- Begrüßung und Kontext – Vorstellung, Zweck, Datenschutz, Aufnahmeerlaubnis (5 Min).
- Aufwärmfragen – persönlicher Hintergrund, Kontextfragen (5 Min).
- Themenkomplex 1 – Hauptfrage + 2–4 Nachfragen.
- Themenkomplex 2 – Hauptfrage + 2–4 Nachfragen.
- Themenkomplex 3 – Hauptfrage + 2–4 Nachfragen.
- Abschluss – „Möchten Sie etwas ergänzen?" und Verabschiedung.
Insgesamt 6–10 Hauptfragen, 30–60 Min Interviewdauer.
Beispiel-Leitfaden (gekürzt)
Aufwärmfrage: Können Sie kurz Ihren Studienhintergrund beschreiben?
Themenkomplex „Lerngruppen-Nutzung": Wie nutzen Sie aktuell digitale Lerngruppen-Plattformen? – Nachfragen: Welche Plattformen? Wie oft? In welchen Phasen des Semesters?
Themenkomplex „Wirkung": Wie wirkt sich das auf Ihren Lernerfolg aus? – Nachfragen: Können Sie ein konkretes Beispiel geben? Hat sich das verändert über die Zeit?
Themenkomplex „Vergleich physisch vs. digital": Wo sehen Sie Unterschiede zu physischen Lerngruppen? – Nachfragen: Was funktioniert besser online? Was fehlt im Digitalen?
Abschluss: Gibt es etwas, was wir nicht angesprochen haben, was Ihnen wichtig wäre?
Drei Regeln für gute Fragen
- Offen formuliert – nicht „Nutzen Sie ChatGPT?" sondern „Wie nutzen Sie ChatGPT?".
- Nicht suggestiv – nicht „Finden Sie ChatGPT auch problematisch?" sondern „Wie schätzen Sie ChatGPT ein?".
- Eine Frage pro Frage – nicht „Was nutzen Sie und warum und wie oft?" sondern eine Frage nach der anderen.
Pretest
Probier den Leitfaden vor dem ersten echten Interview an einer Person aus deinem Bekanntenkreis (idealerweise jemand, der zur Zielgruppe passt). Das deckt unklare Formulierungen, fehlende Themen und Längenprobleme auf. Pretest dauert oft selbst 30–60 Min – plane Zeit ein.
Auswertung
Nach Transkription folgt die qualitative Inhaltsanalyse – meist nach Mayring oder Kuckartz. Mehr in der separaten Anleitung zur qualitativen Inhaltsanalyse.
Häufige Fehler
- Leitfaden zu lang – wirkt wie Verhör, ermüdet.
- Geschlossene Fragen – Ja/Nein-Antworten geben keine Tiefe.
- Suggestive Formulierungen – beeinflussen die Antwort.
- Kein Pretest – Probleme werden erst im echten Interview sichtbar.
Mehr typische Stolperfallen findest du in unserem Beitrag zu häufigen Fehlern in Bachelorarbeit und Masterarbeit. Ein Lektorat prüft auch die methodische Konsistenz – passt der Leitfaden zur Forschungsfrage?