Leitfadeninterview führen und auswerten

Leitfadeninterview – Vorbereitung, Durchführung, Auswertung

Lesezeit ca. 6 Min. · zuletzt aktualisiert: 26. April 2026 · alle Methoden

Das Leitfadeninterview ist die mittlere Variante zwischen vollstrukturiertem Fragebogen und freiem Gespräch. Du hast einen Leitfaden mit Hauptfragen vorbereitet, lässt aber Raum für Nachfragen und unerwartete Wendungen. In der Bachelor- und Masterarbeit ist das Leitfadeninterview eine der häufigsten qualitativen Methoden – sowohl mit Expert*innen als auch mit Laien (z. B. Studierenden, Eltern, Patient*innen). Wir zeigen dir, wie der Leitfaden aufgebaut ist, wie du das Interview durchführst und wie die Auswertung funktioniert.

Wann passt ein Leitfadeninterview?

Wenn du verstehen willst, wie Personen ein Phänomen erleben, wie sie es einordnen, welche Bedeutung sie ihm geben. Bei reinen Faktenfragen ist eine standardisierte Befragung effizienter. Bei sehr offenen Themen ist ein narratives Interview besser. Das Leitfadeninterview ist der Mittelweg – strukturiert genug, um vergleichbar zu sein; offen genug, um Tiefe zu gewinnen.

Aufbau eines Interviewleitfadens

Standard-Aufbau:

  1. Begrüßung und Kontext – Vorstellung, Zweck, Datenschutz, Aufnahmeerlaubnis (5 Min).
  2. Aufwärmfragen – persönlicher Hintergrund, Kontextfragen (5 Min).
  3. Themenkomplex 1 – Hauptfrage + 2–4 Nachfragen.
  4. Themenkomplex 2 – Hauptfrage + 2–4 Nachfragen.
  5. Themenkomplex 3 – Hauptfrage + 2–4 Nachfragen.
  6. Abschluss – „Möchten Sie etwas ergänzen?" und Verabschiedung.

Insgesamt 6–10 Hauptfragen, 30–60 Min Interviewdauer.

Beispiel-Leitfaden (gekürzt)

Aufwärmfrage: Können Sie kurz Ihren Studienhintergrund beschreiben?

Themenkomplex „Lerngruppen-Nutzung": Wie nutzen Sie aktuell digitale Lerngruppen-Plattformen? – Nachfragen: Welche Plattformen? Wie oft? In welchen Phasen des Semesters?

Themenkomplex „Wirkung": Wie wirkt sich das auf Ihren Lernerfolg aus? – Nachfragen: Können Sie ein konkretes Beispiel geben? Hat sich das verändert über die Zeit?

Themenkomplex „Vergleich physisch vs. digital": Wo sehen Sie Unterschiede zu physischen Lerngruppen? – Nachfragen: Was funktioniert besser online? Was fehlt im Digitalen?

Abschluss: Gibt es etwas, was wir nicht angesprochen haben, was Ihnen wichtig wäre?

Drei Regeln für gute Fragen

  1. Offen formuliert – nicht „Nutzen Sie ChatGPT?" sondern „Wie nutzen Sie ChatGPT?".
  2. Nicht suggestiv – nicht „Finden Sie ChatGPT auch problematisch?" sondern „Wie schätzen Sie ChatGPT ein?".
  3. Eine Frage pro Frage – nicht „Was nutzen Sie und warum und wie oft?" sondern eine Frage nach der anderen.

Pretest

Probier den Leitfaden vor dem ersten echten Interview an einer Person aus deinem Bekanntenkreis (idealerweise jemand, der zur Zielgruppe passt). Das deckt unklare Formulierungen, fehlende Themen und Längenprobleme auf. Pretest dauert oft selbst 30–60 Min – plane Zeit ein.

Auswertung

Nach Transkription folgt die qualitative Inhaltsanalyse – meist nach Mayring oder Kuckartz. Mehr in der separaten Anleitung zur qualitativen Inhaltsanalyse.

Häufige Fehler

Mehr typische Stolperfallen findest du in unserem Beitrag zu häufigen Fehlern in Bachelorarbeit und Masterarbeit. Ein Lektorat prüft auch die methodische Konsistenz – passt der Leitfaden zur Forschungsfrage?

Du hast Leitfadeninterviews durchgeführt und willst die Auswertung methodisch prüfen lassen? Lektorat ab 0,29 € pro Normseite.

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Häufige Fragen zum Leitfadeninterview

Wie viele Hauptfragen sollte der Leitfaden haben?

6–10 ist ein guter Richtwert. Bei einer Bachelorarbeit reichen 6–8, bei einer Masterarbeit auch 10–12. Mehr ist meistens zu viel – das Interview wird gehetzt und oberflächlich.

Muss ich den Leitfaden im Anhang aufnehmen?

Ja, das ist Standard. Der vollständige Leitfaden gehört in den Anhang. So können Prüfende nachvollziehen, wie du gefragt hast – und andere Forschende könnten die Studie replizieren.

Darf ich vom Leitfaden abweichen?

Ja, das ist sogar gewünscht. Der Leitfaden ist eine Orientierung, kein starres Korsett. Wenn die interviewte Person ein wichtiges Thema selbst anspricht, vertiefe es. Die Reihenfolge der Fragen ist auch flexibel.

Was, wenn die Antworten zu kurz sind?

Mit Nachfragen vertiefen: „Können Sie das ein bisschen genauer beschreiben?", „Haben Sie ein konkretes Beispiel?", „Was meinen Sie genau mit X?". Pausen aushalten – nach 3 Sekunden kommt oft die wichtigste Antwort.

Online oder vor Ort?

Beides geht. Vor-Ort gibt mehr Kontext und nonverbale Signale, Online ist effizienter und ermöglicht Interviews mit Personen aus anderen Städten. Beim Online-Interview achte auf gute Tonqualität – das ist wichtiger als Bildqualität.