Experteninterview führen und auswerten
Experteninterview – Leitfaden, Durchführung, Auswertung
Das Experteninterview ist eine der häufigsten qualitativen Methoden in der Bachelor- und Masterarbeit. Du befragst Personen, die durch ihre Position oder Erfahrung über Spezialwissen verfügen – Lehrkräfte, Führungskräfte, Forscherinnen, Praktiker. Das Ziel: Tiefes Verständnis, das du in einer Befragung nicht bekommst. Wir zeigen dir, wie du Experten findest, einen Leitfaden baust, das Interview führst und die Daten auswertest.
Wer ist „Experte"?
Expertin ist nicht nur die Person mit Doktortitel – jede Person, die durch Beruf oder Erfahrung relevantes Wissen über dein Forschungsthema hat. In einer Arbeit über Lehramtsstudium können Hochschullehrende, erfahrene Lehrkräfte oder Bildungsforscherinnen Expertinnen sein. Was zählt: spezifisches, nicht alltägliches Wissen.
Wie viele Interviews brauche ich?
Faustregel: 5–10 Interviews für eine Bachelorarbeit, 8–15 für eine Masterarbeit. Wichtiger als die Zahl ist die theoretische Sättigung – wenn neue Interviews keine neuen Erkenntnisse mehr bringen, bist du fertig. Das merkst du oft schon nach 6–8 Interviews.
Leitfaden erstellen
Ein guter Interviewleitfaden hat 6–10 offene Hauptfragen, die alle wichtigen Aspekte deiner Forschungsfrage abdecken. Pro Hauptfrage 1–3 Nachfrage-Optionen, falls die Antwort zu kurz bleibt.
Hauptfrage: „Wie erleben Sie die Nutzung digitaler Lerngruppen-Plattformen durch Ihre Studierenden?"
Nachfragen: „Was funktioniert dabei besonders gut?", „Wo sehen Sie Schwierigkeiten?", „Hat sich das in den letzten zwei Jahren verändert?"
Aufbau des Leitfadens
- Begrüßung und Kontextfragen – Aufwärmphase, persönlicher Hintergrund.
- Themenkomplex 1 – Hauptfrage + Nachfragen.
- Themenkomplex 2 – Hauptfrage + Nachfragen.
- Themenkomplex 3 – Hauptfrage + Nachfragen.
- Abschlussfrage – „Gibt es etwas, was wir noch nicht angesprochen haben?"
Durchführung des Interviews
- Aufnahme – mit Einwilligung der interviewten Person. Smartphone-App oder Diktiergerät reicht.
- Dauer – 30–60 Minuten pro Interview. Längere Interviews ermüden beide Seiten.
- Pausen – nach Antworten 2–3 Sekunden warten, oft kommt dann die wichtigste Aussage.
- Eigene Meinung zurückhalten – du fragst, du antwortest nicht.
- Online vs. Vor-Ort – beides geht. Vor-Ort gibt mehr Kontext, Online ist effizienter.
Transkription
Nach dem Interview transkribierst du das Gespräch – schriftlich. Drei Optionen:
- Wörtlich – jeder „äh" und jede Pause. Sehr aufwändig, vor allem bei Konversationsanalyse nötig.
- Geglättet – Standard für die meisten Bachelor- und Masterarbeiten. „Ähs" und Wiederholungen werden weggelassen, der Sinn bleibt erhalten.
- Zusammenfassend – nur die zentralen Aussagen. Für Bachelorarbeiten meistens zu wenig.
Tools für die Transkription: Word (manuell), MAXQDA (mit Wiedergabesteuerung), oder KI-Tools wie Whisper, die automatisch transkribieren – mit anschließender manueller Korrektur.
Auswertung mit qualitativer Inhaltsanalyse
Die häufigste Auswertungsmethode für Experteninterviews ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz – mehr in unserer separaten Anleitung zur qualitativen Inhaltsanalyse.
Ethikfragen
- Einwilligung – schriftlich vor dem Interview, mit Information über Zweck, Aufnahme, Anonymisierung, Datenschutz.
- Anonymisierung – Klarnamen werden in der schriftlichen Arbeit durch Codes ersetzt („Interviewperson 3").
- Datenschutz – Aufnahmen sicher speichern, nach Abschluss der Arbeit löschen oder DSGVO-konform archivieren.
Häufige Fehler beim Experteninterview
- Leitfaden zu detailliert – wirkt wie Verhör statt Gespräch.
- Eigene Meinung in den Fragen – beeinflusst die Antwort.
- Zu wenig Nachfragen – oberflächliche Antworten bleiben oberflächlich.
- Transkription zu spät – nach 3 Wochen erinnerst du dich kaum noch an Kontextdetails.
Mehr typische Stolperfallen findest du in unserem Beitrag zu häufigen Fehlern in Bachelorarbeit und Masterarbeit. Im professionellen Lektorat achten wir besonders auf die saubere Trennung zwischen Zitat und eigener Interpretation im Auswertungsteil.