Experteninterview führen und auswerten

Experteninterview – Leitfaden, Durchführung, Auswertung

Lesezeit ca. 7 Min. · zuletzt aktualisiert: 26. April 2026 · alle Methoden

Das Experteninterview ist eine der häufigsten qualitativen Methoden in der Bachelor- und Masterarbeit. Du befragst Personen, die durch ihre Position oder Erfahrung über Spezialwissen verfügen – Lehrkräfte, Führungskräfte, Forscherinnen, Praktiker. Das Ziel: Tiefes Verständnis, das du in einer Befragung nicht bekommst. Wir zeigen dir, wie du Experten findest, einen Leitfaden baust, das Interview führst und die Daten auswertest.

Wer ist „Experte"?

Expertin ist nicht nur die Person mit Doktortitel – jede Person, die durch Beruf oder Erfahrung relevantes Wissen über dein Forschungsthema hat. In einer Arbeit über Lehramtsstudium können Hochschullehrende, erfahrene Lehrkräfte oder Bildungsforscherinnen Expertinnen sein. Was zählt: spezifisches, nicht alltägliches Wissen.

Wie viele Interviews brauche ich?

Faustregel: 5–10 Interviews für eine Bachelorarbeit, 8–15 für eine Masterarbeit. Wichtiger als die Zahl ist die theoretische Sättigung – wenn neue Interviews keine neuen Erkenntnisse mehr bringen, bist du fertig. Das merkst du oft schon nach 6–8 Interviews.

Leitfaden erstellen

Ein guter Interviewleitfaden hat 6–10 offene Hauptfragen, die alle wichtigen Aspekte deiner Forschungsfrage abdecken. Pro Hauptfrage 1–3 Nachfrage-Optionen, falls die Antwort zu kurz bleibt.

Hauptfrage: „Wie erleben Sie die Nutzung digitaler Lerngruppen-Plattformen durch Ihre Studierenden?"

Nachfragen: „Was funktioniert dabei besonders gut?", „Wo sehen Sie Schwierigkeiten?", „Hat sich das in den letzten zwei Jahren verändert?"

Aufbau des Leitfadens

  1. Begrüßung und Kontextfragen – Aufwärmphase, persönlicher Hintergrund.
  2. Themenkomplex 1 – Hauptfrage + Nachfragen.
  3. Themenkomplex 2 – Hauptfrage + Nachfragen.
  4. Themenkomplex 3 – Hauptfrage + Nachfragen.
  5. Abschlussfrage – „Gibt es etwas, was wir noch nicht angesprochen haben?"

Durchführung des Interviews

Transkription

Nach dem Interview transkribierst du das Gespräch – schriftlich. Drei Optionen:

Tools für die Transkription: Word (manuell), MAXQDA (mit Wiedergabesteuerung), oder KI-Tools wie Whisper, die automatisch transkribieren – mit anschließender manueller Korrektur.

Auswertung mit qualitativer Inhaltsanalyse

Die häufigste Auswertungsmethode für Experteninterviews ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz – mehr in unserer separaten Anleitung zur qualitativen Inhaltsanalyse.

Ethikfragen

Häufige Fehler beim Experteninterview

Mehr typische Stolperfallen findest du in unserem Beitrag zu häufigen Fehlern in Bachelorarbeit und Masterarbeit. Im professionellen Lektorat achten wir besonders auf die saubere Trennung zwischen Zitat und eigener Interpretation im Auswertungsteil.

Du hast Experteninterviews ausgewertet und willst die Auswertung sprachlich und methodisch prüfen? Lektorat ab 0,29 € pro Normseite.

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Häufige Fragen zum Experteninterview

Wo finde ich Experten für meine Interviews?

Verschiedene Wege: Hochschullehrende deines Lehrstuhls fragen, Berufsverbände kontaktieren, LinkedIn-Recherche, Fachzeitschriften nach Autorinnen durchsuchen. Wichtig: Anfrage präzise – wer bin ich, worum geht es, wie viel Zeit brauche ich. Mit guter Anfrage sagen 30–50 % zu.

Wie lange braucht ein Experteninterview?

30–60 Minuten ist Standard. Bei sehr offenen Fragen oder komplexen Themen auch bis 90 Minuten. Längere Interviews ermüden beide Seiten – wer länger fragt, bekommt schlechtere Antworten.

Brauche ich vor dem Interview ein Ethikvotum?

An vielen deutschen Hochschulen ist das für Bachelorarbeiten nicht zwingend, bei sensiblen Themen oder vulnerablen Gruppen aber Pflicht. Schau in den Vorgaben deines Lehrstuhls. Eine schriftliche Einwilligungserklärung ist immer Standard.

Kann ich Experteninterviews auch online führen?

Ja, das ist seit 2020 verbreitet. Vorteile: weniger Reisezeit, leichtere Termine. Nachteile: weniger Kontext, technische Probleme. Bei Online-Interviews achte auf gute Tonqualität – das ist wichtiger als Bildqualität.

Wie zitiere ich Interview-Auszüge?

Mit anonymisiertem Code (z. B. „Interview 3") und Zeilenangabe der Transkription (Z. 45–47). Im Anhang stehen die Transkripte. Im Fließtext markierst du wörtliche Zitate mit Anführungszeichen, gefolgt von der Quelle.