So funktionieren unstrukturierte Interviews in der Wissenschaft
Unstrukturiertes Interview als Methode
Dieser Beitrag zeigt, dass ein unstrukturiertes Interview auf Offenheit beruht: Offene Fragen geben anders als geschlossene Fragen keine Antwortstruktur vor. Er skizziert den Verlauf und die systematische Analyse.
Definition und Grundverständnis
Ein Unstrukturiertes Interview ist eine Form des qualitativen Interviews. Das Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum verwendet für qualitative Interviews auch die Bezeichnungen nicht-standardisiert, teil-standardisiert oder offen. Mit ihnen können subjektive Sichtweisen oder biografische Sinnstrukturen erhoben werden. Zentral ist dabei die Offenheit der Fragen: Eine offene Frage gibt keine Antwortstruktur vor, während eine geschlossene Frage eine solche Struktur vorgibt. Diese Einordnung beschreibt die Frageform und nicht automatisch die Qualität eines einzelnen Gesprächs.
Das Interview gilt als einzigartige Kommunikationssituation zwischen erzählender und interviewender Person. Der Einfluss der interviewenden Person wird dabei nicht als Störfaktor behandelt. Qualitative Interviews eignen sich laut Quelle für versprachlichbare Phänomene. Für Handlungsanalysen oder kollektive Orientierungsmuster nennt die Quelle diese Eignung nicht. Gegenüber quantitativen Interviews mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten und journalistischen Interviews mit anderem Erkenntnisinteresse wird die qualitative Interviewforschung abgegrenzt.
Ein eigener Ratgeber zum strukturierten Interview zeigt den Gegenpol mit vorgegebenen Antworten. Ein eigener Ratgeber zum semistrukturierten Interview beschreibt die leitfadengestützte Mischform. Für die Planung ist es sinnvoll, die Forschungsfrage daran zu prüfen, ob subjektive Sichtweisen, biografische Sinnstrukturen oder andere Erkenntnisinteressen erhoben werden sollen.
Passend dazu findest du weitere Hinweise im Beitrag strukturiertes Interview.
Passend dazu findest du weitere Hinweise im Beitrag semistrukturiertes Interview.

Abgrenzung zu anderen Interviewtypen
Qualitative Interviews können nicht-standardisiert, teil-standardisiert oder offen sein. Sie dienen laut Methodenzentrum dazu, subjektive Sichtweisen oder biografische Sinnstrukturen zu erheben. Gegenüber quantitativen Interviews liegt ein Unterschied darin, dass diese mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten arbeiten. Journalistisches und qualitatives Interview unterscheiden sich zudem im Erkenntnisinteresse. Narrative Interviews werden als nichtstandardisierte Befragung beschrieben und unterscheiden sich deutlich von standardisierten sowie halbstandardisierten leitfadengestützten Erhebungen.
| Interviewform | Merkmal laut Quelle |
|---|---|
| Unstrukturiert / offen | Offene Fragen geben keine Antwortstruktur vor. |
| Halbstandardisiert / leitfadengestützt | Diese Erhebungsform wird vom narrativen Interview unterschieden. |
| Standardisiert | Diese Erhebungsform wird vom narrativen Interview unterschieden. |
Entscheidend für die offene Form ist die Frageform: Eine offene Frage lässt die Antwortstruktur offen, eine geschlossene Frage legt sie fest. Diese Unterscheidung beschreibt kein starres Rangverhältnis der Formen, sondern unterschiedliche Merkmale der Erhebung. Ein eigener Ratgeber beschreibt die leitfadengestützte Mischform. Interviewformen in der wissenschaftlichen Arbeit ordnet ein eigener Überblick zusammen mit weiteren Varianten ein. Für die Auswahl können die belegten Merkmale der jeweiligen Interviewform mit der Forschungsfrage abgeglichen werden.
Ablauf des narrativen Interviews
Das narrative Interview ist eine nichtstandardisierte Befragung. Laut Methodenportal besteht sein Ablauf aus fünf Phasen. Nach dem Einstieg folgt eine freie Erzählung; anschließend schließt sich ein Nachfrageteil an. Die Ruhr-Universität Bochum beschreibt ebenfalls, dass auf die freie Stegreiferzählung immanente und exmanente Fragen folgen.
- Der Einstieg beginnt mit Smalltalk.
- Ein Erzählstimulus eröffnet die Erzählung. Diese Phase kann bis zu 60 Minuten dauern; die interviewende Person spricht dabei kaum.
- Immanente Fragen greifen Details und Leerstellen aus der Erzählung auf.
- Exmanente Fragen richten sich auf Begründungen und Meinungen.
- Den Ablauf beendet die Abschlussphase.
Die Reihenfolge trennt die freie Stegreiferzählung vom späteren Nachfragen. Ein eigener Ratgeber zum Interviewleitfaden zeigt, wie Nachfragen vorbereitet werden. Für das narrative Interview bleibt jedoch der Erzählstimulus der Ausgangspunkt; danach stehen zunächst die erzählte Darstellung und erst anschließend die beiden Arten von Fragen im Mittelpunkt. Die Quelle nennt als besondere Formen außerdem das ethnografische und das fokussierte Interview.
Verwandte Varianten und historische Wurzeln
Varianten des unstrukturierten Interviews umfassen auch das narrative Interview. Laut dem Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum entwickelte Fritz Schütze diese Form in den 1970er Jahren. Sie wird häufig biografisches Interview genannt und eignet sich für biografische Erzählungen sowie Prozessstrukturen. Für abstrakte Beurteilungen ist sie laut Quelle nicht geeignet. Zudem setzt das Verfahren Erzählfähigkeit voraus und ist deshalb meist erst im Erwachsenenalter sinnvoll.
Schütze beschreibt für Erzählungen drei Zugzwänge: Gestaltschließungszwang, Detaillierungszwang und Kondensierungszwang. Diese Begriffe benennt die Quelle als Merkmale von Erzählungen. Nach der freien Stegreiferzählung folgt ein Teil mit immanenten und exmanenten Fragen. Die immanenten Fragen greifen Angaben aus der Erzählung auf; die exmanenten Fragen richten sich auf Begründungen und Meinungen. Damit unterscheidet der Ablauf zwischen dem Erzählen und dem späteren Nachfragen.
Als verwandte, aber andere Formen nennt die Quelle das leitfadengestützte Interview, das problemzentrierte Interview und das ExpertInneninterview. Das Methodenportal der Universität Leipzig nennt außerdem das ethnografische und das fokussierte Interview als spezielle Formen. Ein eigener Ratgeber zum Interview für die Bachelorarbeit führen zeigt die Praxis an einem konkreten Beispiel. Bei der Auswahl bleibt wichtig, die Eignung der jeweiligen Form an der Forschungsfrage zu prüfen: Das narrative Interview ist für biografische Erzählungen und Prozessstrukturen beschrieben, nicht für abstrakte Beurteilungen.
Systematische Auswertung der Daten
Die Auswertung des unstrukturierten Interviews folgt nach der Interviewleitfaden-Erstellung, der Durchführung des Interviews und der Transkription. Das Skript der Technischen Hochschule Köln beschreibt dafür die qualitative Inhaltsanalyse in vier Schritten. Zunächst werden die Daten erkundet. Danach wird ein Kategoriensystem erstellt. Im dritten Schritt werden Textstellen codiert. Abschließend erfolgt das kategorienbasierte Auswerten. Ein eigener Dienst zum Interview transkribieren lassen übernimmt die Verschriftlichung vor der Auswertung. Die Transkription ist dabei der Schritt vor der beschriebenen Analyse.
Das Skript ordnet qualitative und quantitative Forschung unterschiedlich ein: Qualitative Forschung geht von interpretierter und ausgehandelter Wirklichkeit aus, quantitative Forschung von objektiv feststellbaren Tatsachen. Für die qualitative Inhaltsanalyse werden nicht die klassischen Gütekriterien Reliabilität und Validität herangezogen. Stattdessen nennt das auf Mayring gestützte Skript spezifische Kriterien. Dazu gehören die Verfahrensdokumentation und die argumentative Interpretationsabsicherung. Verfahrensdokumentation macht den gewählten Ablauf festhaltbar; argumentative Interpretationsabsicherung bezeichnet die im Skript genannte Absicherung der Interpretation. Die vier Analyseschritte und diese Kriterien lassen sich bei der Planung der Auswertung getrennt festhalten.

Drei Schritte zur erfolgreichen Durchführung
Die Durchführung lässt sich in drei Schritte gliedern. Zuerst wird anstelle eines engen Leitfadens eine offene Ausgangsfrage oder ein Erzählstimulus vorbereitet. Eine offene Frage gibt keine Antwortstruktur vor. Der Erzählstimulus eröffnet im narrativen Interview die freie Erzählung und grenzt sich damit von einer geschlossenen Frage ab, die eine Antwortstruktur vorgibt. Der vorbereitete Einstieg soll daher Raum für die Darstellung der befragten Person lassen.
Danach folgt die freie Erzählung ohne Unterbrechung. Beim narrativen Interview spricht die interviewende Person während des Erzählstimulus kaum. Erst wenn diese Erzählung abgeschlossen ist, beginnt der Nachfrageteil. Immanente Fragen beziehen sich auf Details und Leerstellen der Erzählung. Exmanente Fragen betreffen Begründungen und Meinungen. So bleibt der Ablauf zwischen Erzählung und Nachfragen erkennbar: zuerst die freie Stegreiferzählung, danach die beiden Fragearten.
Zuletzt wird das Interview transkribiert und per qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Auswertung umfasst das Erkunden der Daten, das Erstellen eines Kategoriensystems, das Codieren und das kategorienbasierte Auswerten. Für die Einordnung der Methode hilft außerdem die Abgrenzung zur Methodik im Studium allgemein. Dort kann geprüft werden, wie das unstrukturierte Interview neben anderen Erhebungsformen beschrieben wird. Die konkrete Forschungsfrage entscheidet darüber, welche der belegten Eigenschaften für das Vorhaben relevant sind.
Quellen und Stand
- Quelle: Ruhr-Universität Bochum, Methodenzentrum, Qualitative Interviewforschung: methodenzentrum.ruhr-uni-bochum.de (geprüft am 2026-09-16)
- Quelle: Universität Leipzig, Methodenportal, Narratives Interview: home.uni-leipzig.de (geprüft am 2026-09-16)
- Quelle: Ruhr-Universität Bochum, Methodenzentrum, Narratives Interview: methodenzentrum.ruhr-uni-bochum.de (geprüft am 2026-09-16)
- Quelle: Technische Hochschule Köln, Skript Forschen mit Leitfadeninterviews und qualitativer Inhaltsanalyse (Vogt, Werner): www.th-koeln.de (geprüft am 2026-09-16)
Der vollständige Titel zu „So funktionieren unstrukturierte Interviews in der Wissenschaft“ lautet „Unstrukturiertes Interview: Grundlagen und Ablauf“.