Interview führen für die Bachelorarbeit – Leitfaden
Interview – Leitfaden, Durchführung, Auswertung
Wer in der Bachelorarbeit qualitativ forscht, kommt am Interview oft nicht vorbei. Es liefert Tiefe, die Umfragen nicht erreichen, kostet aber auch deutlich mehr Zeit – für die Vorbereitung, die Durchführung, die Transkription und die Auswertung. Dieser Beitrag fasst zusammen, wie ein wissenschaftliches Interview von der Konzeption bis zur Analyse abläuft.
Welche Interview-Form?
- Strukturiertes Interview: festgelegte Fragen in fester Reihenfolge.
- Halbstrukturiert / Leitfaden-Interview: vorbereitete Themenblöcke, flexibel im Ablauf. Im Bachelorbereich Standard.
- Narrative Interviews: offene Frage als Auftakt, Erzählung im Fokus. Anspruchsvoll auszuwerten.
- Experten-Interviews: spezielle Form mit Fachpersonen, oft kürzer.
Leitfaden erstellen
Ein guter Leitfaden hat 4–6 Themenblöcke mit jeweils 2–4 Fragen. Insgesamt 15–20 Fragen für ein einstündiges Interview. Beginnt mit warmen Einstiegsfragen (Beruf, Erfahrung) und arbeitet sich zu den heiklen Kernfragen vor. Pretest mit 1–2 Personen vor der Hauptphase.
Interview-Partner finden
- Eigenes Netzwerk (LinkedIn, Hochschulkontakte, Praktikum).
- Fachliche Foren und Communities.
- Schneeball-Prinzip – Interviewpartner empfehlen weitere.
- Direkte Anfragen an Unternehmen oder Verbände.
Vorbereitung des Interviews
- Einwilligungserklärung (DSGVO!) vorbereiten.
- Aufnahmegerät testen.
- Über den Interviewpartner und sein Fachgebiet informieren.
- Persönliche Nervosität reduzieren – Probedurchläufe machen.
Durchführung
- Begrüßung, kurze Erklärung der Studie und Einwilligung einholen.
- Aufnahme starten, kurz warten, dann mit der ersten Frage beginnen.
- Aktiv zuhören, Verständnisfragen stellen.
- Nicht eigene Meinung einbringen.
- Pausen aushalten – führen oft zu tiefen Antworten.
- Am Ende: Möglichkeit für ergänzende Anmerkungen geben.
Transkription
Die wörtliche Verschriftlichung ist zeitintensiv – Faustregel: 1 Stunde Interview = 4–6 Stunden Transkription. Tools wie Amberscript, Otter.ai oder Whisper können den Prozess beschleunigen, brauchen aber manuelle Nachbearbeitung. Bei sensiblen Daten lokal arbeiten (Whisper offline).
Auswertung
- Inhaltsanalyse nach Mayring – sehr verbreitet im deutschen Raum.
- Coding mit Tools wie MAXQDA, ATLAS.ti oder NVivo.
- Manuell mit Excel: Zitate kategorisieren, Muster extrahieren.
- Triangulation – Befunde mit Literatur abgleichen.
DSGVO und Ethik
- Einwilligung vor Beginn schriftlich einholen.
- Anonymisierte Transkripte erstellen (keine Klarnamen).
- Aufnahmen sicher speichern und nach Abgabe löschen.
- Interviewpartner über Verwendung informieren.
Häufige Fehler
- Leitfaden zu lang – mehr als 25 Fragen sprengt den Rahmen.
- Suggestivfragen, die die Antwort vorgeben.
- Aufnahme nicht oder schlecht gemacht.
- Transkriptions-Aufwand unterschätzt.
- Auswertungsmethode nicht im Methodik-Kapitel beschrieben.
Wie viele Interviews sind genug?
Im Bachelorbereich 6–10 Interviews. Wichtig ist die theoretische Sättigung – wenn neue Interviews keine neuen Erkenntnisse bringen, ist die Stichprobe ausreichend. Mehr unter Methodik der Bachelorarbeit.