Ein narratives Interview offen anregen und auswerten
Biografische Erfahrungen in ihrer eigenen Struktur erfassen
Das narrative Interview lädt eine Person dazu ein, zusammenhängend von einem erlebten Prozess zu erzählen. Der Ablauf schützt zunächst die selbstständige Haupterzählung und öffnet erst danach Raum für Nachfragen. Es wurde in der deutschsprachigen Sozialforschung besonders durch Fritz Schütze geprägt. Die interviewende Person hält sich während der Haupterzählung zurück und fragt erst danach vertiefend nach. Der Ansatz eignet sich für biografische Verläufe und Prozessgeschichten, nicht für jede eng umrissene Faktenfrage.
Begriff und Erkenntnisziel
Kennzeichnend ist ein breiter Erzählstimulus, der eine selbstläufige Haupterzählung ermöglicht. Die Reihenfolge und Gewichtung der Ereignisse werden zunächst von der befragten Person bestimmt. Anschließend folgen immanente Nachfragen zu bereits erwähnten Punkten und gegebenenfalls exmanente Fragen aus dem Forschungsinteresse. Ein narratives Interview ist damit nicht unvorbereitet, sondern anders strukturiert als ein gewöhnliches Leitfadeninterview.
Vorbereitung und Abgrenzung
Bestimme, welcher erlebte Verlauf erzählt werden soll und ob die Zielgruppe darüber tatsächlich aus eigener Erfahrung berichten kann. Formuliere einen verständlichen Stimulus ohne mehrere Unterfragen. Plane aufmerksamkeitszeigende, aber nicht lenkende Reaktionen während der Erzählung. Notiere mögliche Nachfragen, ohne sie vorzeitig einzusetzen. Ein Pretest zeigt, ob die Aufforderung eine Geschichte oder nur eine knappe Stellungnahme auslöst.

Vorgehen Schritt für Schritt
- erlebten Prozess und passende Zielgruppe bestimmen
- offenen Erzählstimulus formulieren und testen
- Haupterzählung möglichst nicht unterbrechen
- immanent an erwähnte Punkte anknüpfen
- exmanente Forschungsfragen erst anschließend stellen
Halte Entscheidungen, Änderungen und begründete Ausnahmen während des gesamten Prozesses in einem Arbeitsprotokoll fest. Dadurch lässt sich das Methodenkapitel später aus tatsächlichen Arbeitsschritten statt aus Erinnerung schreiben.
Durchgehendes Beispiel
Eine Untersuchung fragt nach dem Übergang vom Studium in die erste Führungsrolle. Der Stimulus lautet sinngemäß: Bitte erzählen Sie, wie es von Ihrem Studienabschluss bis zu Ihrer heutigen Position gekommen ist. Die Person setzt eigene Anfangs- und Wendepunkte. Nach der Haupterzählung greift die Interviewerin erwähnte Entscheidungen, Konflikte und Unterstützungen auf. Erst danach werden noch offene Fragen zur Organisation gestellt.
Häufige Fehler vermeiden
- Stimulus mit vielen Teilfragen überladen
- Pausen sofort mit neuen Fragen füllen
- die Haupterzählung durch Bewertungen steuern
- Erzählreihenfolge bei der Analyse als objektive Chronologie behandeln
Dokumentiere Wortlaut des Stimulus, Gesprächsphasen, Art der Nachfragen und Transkriptionsregeln. Die Analyse muss berücksichtigen, wie eine Erfahrung erzählt und nicht nur was behauptet wird. Abhängig vom Forschungsansatz können fallrekonstruktive oder inhaltsanalytische Verfahren folgen. Begründe diese Wahl, statt ein narratives Erhebungsformat automatisch mit einer bestimmten Auswertung gleichzusetzen.

Dokumentation im Methodik- oder Hauptkapitel
Narratives Interview sollte in der fertigen Arbeit nicht nur als Methodenname oder Überschrift auftauchen. Erkläre zuerst, weshalb das Vorgehen zur Forschungsfrage passt, welches Material einbezogen wird und nach welchen Regeln du Entscheidungen triffst. Danach beschreibst du die tatsächliche Durchführung in der Reihenfolge, in der sie für das Verständnis nötig ist. Abweichungen vom ursprünglichen Plan gehören ebenfalls in die Dokumentation, besonders wenn sie Auswahl oder Ergebnis beeinflussen können.
Trenne Verfahrensbeschreibung, Ergebnis und Bewertung. Die Beschreibung beantwortet, wie du bei Narratives Interview vorgegangen bist. Der Ergebnisteil zeigt, was dabei herauskam. Erst die Diskussion ordnet Aussagekraft, Alternativen und Grenzen ein. Diese Trennung verhindert, dass nachträgliche Deutungen wie vorher festgelegte Regeln wirken. Tabellen, Protokolle oder Anhänge können Details aufnehmen, müssen aber im Fließtext eingeführt und an der passenden Stelle ausgewertet werden.
Prüffragen vor der Abgabe
Kontrolliere die Seite oder das Kapitel nicht nur sprachlich, sondern als prüfbaren Arbeitsweg. Die folgenden Fragen übersetzen die zentralen Schritte von Narratives Interview in einen Abgabecheck:
- Ist der Arbeitsschritt „erlebten Prozess und passende Zielgruppe bestimmen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „offenen Erzählstimulus formulieren und testen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „Haupterzählung möglichst nicht unterbrechen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „immanent an erwähnte Punkte anknüpfen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „exmanente Forschungsfragen erst anschließend stellen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Stimulus mit vielen Teilfragen überladen“ vermeidest?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Pausen sofort mit neuen Fragen füllen“ vermeidest?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „die Haupterzählung durch Bewertungen steuern“ vermeidest?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Erzählreihenfolge bei der Analyse als objektive Chronologie behandeln“ vermeidest?
Wenn du eine Frage nicht eindeutig mit einer Textstelle beantworten kannst, fehlt meist eine Begründung, Definition oder Quellenangabe. Ergänze diese Information dort, wo die Entscheidung erstmals relevant wird. Ein später Sammelhinweis im Fazit kann eine Lücke im Methodik- oder Analyseteil nicht vollständig reparieren.
Quellen und passende Vertiefungen
Eine fachliche Einführung bietet die SSOAR-Publikation zum narrativen Interview.
Passende Ratgeber: Interviewformen, problemzentriertes Interview, Transkriptionsregeln, qualitative Auswertung.