Das problemzentrierte Interview methodisch korrekt durchführen
Offenes Erzählen mit gezieltem Vorwissen verbinden
Das problemzentrierte Interview verbindet Offenheit gegenüber den Sichtweisen der Befragten mit einem klar umrissenen gesellschaftlichen oder biografischen Problem. Der Ablauf kombiniert eine offene Erzählphase mit gezielten Nachfragen. Die interviewende Person bringt theoretisches Vorwissen ein, darf Antworten aber nicht in vorgefertigte Kategorien drängen. Der Ansatz wird besonders mit Andreas Witzel verbunden. Hier erfährst du, wie Leitfaden, Gesprächsphasen, Nachfragen und Dokumentation zusammenspielen.
Begriff und Erkenntnisziel
Im Zentrum steht ein Problemfeld, zu dem Befragte ihre Erfahrungen und Deutungen möglichst frei entfalten sollen. Das Gespräch ist halbstrukturiert: Ein Leitfaden sichert wichtige Themen, während erzählgenerierende Fragen Raum für unerwartete Perspektiven schaffen. Klassisch kann das Verfahren Kurzfragebogen, Leitfaden, Tonaufzeichnung und ein nachträgliches Postskript umfassen. Diese Instrumente sind funktional zu begründen und nicht als starre Checkliste für jedes Projekt zu verstehen.
Vorbereitung und Abgrenzung
Arbeite dein Vorwissen auf, formuliere es aber als vorläufige Orientierung. Der Leitfaden sollte offene Einstiegsfragen, mögliche Vertiefungen und konkrete Nachfragen enthalten. Teste, ob Fragen verständlich sind und keine gewünschte Antwort nahelegen. Trenne kurze Sozialdaten möglichst vom erzählenden Gespräch. Plane außerdem Einwilligung, sichere Aufzeichnung, Pseudonymisierung, Transkription und spätere Löschung, bevor du Personen rekrutierst.

Vorgehen Schritt für Schritt
- Problemfeld und Vorwissen transparent festhalten
- offenen Gesprächseinstieg und Leitfaden entwickeln
- mit erzählgenerierenden Fragen beginnen
- Verständnisfragen und gezielte Sondierungen einsetzen
- Gespräch und Kontext in einem Postskript dokumentieren
Halte Entscheidungen, Änderungen und begründete Ausnahmen während des gesamten Prozesses in einem Arbeitsprotokoll fest. Dadurch lässt sich das Methodenkapitel später aus tatsächlichen Arbeitsschritten statt aus Erinnerung schreiben.
Durchgehendes Beispiel
Eine Studie untersucht, wie Berufseinsteigerinnen hybride Arbeit erleben. Die Einstiegsfrage lädt dazu ein, von den ersten Monaten im Unternehmen zu erzählen. Der Leitfaden enthält Themen wie Einarbeitung, informeller Austausch und Abgrenzung der Arbeitszeit. Erst nachdem die befragte Person ihren Zusammenhang entfaltet hat, fragt die Interviewerin gezielt nach konkreten Situationen. So bleiben individuelle Relevanzen sichtbar, ohne zentrale Aspekte aus dem Blick zu verlieren.
Häufige Fehler vermeiden
- Leitfaden wie einen standardisierten Fragebogen ablesen
- Vorwissen als bestätigte Wahrheit behandeln
- Erzählungen zu früh durch Detailfragen unterbrechen
- Situationsnotizen und eigene Eindrücke nicht getrennt dokumentieren
Gute Interviews wechseln nachvollziehbar zwischen Offenheit und thematischer Fokussierung. Im Methodenkapitel erklärst du Erkenntnisinteresse, Sampling, Leitfadenentwicklung, Gesprächsführung und Auswertung. Reflektiere auch die Rolle der interviewenden Person. Aussagen erhalten ihre Bedeutung im Gesprächskontext und dürfen bei der Codierung nicht zu isolierten Stichworten verkürzt werden.

Dokumentation im Methodik- oder Hauptkapitel
Problemzentriertes Interview sollte in der fertigen Arbeit nicht nur als Methodenname oder Überschrift auftauchen. Erkläre zuerst, weshalb das Vorgehen zur Forschungsfrage passt, welches Material einbezogen wird und nach welchen Regeln du Entscheidungen triffst. Danach beschreibst du die tatsächliche Durchführung in der Reihenfolge, in der sie für das Verständnis nötig ist. Abweichungen vom ursprünglichen Plan gehören ebenfalls in die Dokumentation, besonders wenn sie Auswahl oder Ergebnis beeinflussen können.
Trenne Verfahrensbeschreibung, Ergebnis und Bewertung. Die Beschreibung beantwortet, wie du bei Problemzentriertes Interview vorgegangen bist. Der Ergebnisteil zeigt, was dabei herauskam. Erst die Diskussion ordnet Aussagekraft, Alternativen und Grenzen ein. Diese Trennung verhindert, dass nachträgliche Deutungen wie vorher festgelegte Regeln wirken. Tabellen, Protokolle oder Anhänge können Details aufnehmen, müssen aber im Fließtext eingeführt und an der passenden Stelle ausgewertet werden.
Prüffragen vor der Abgabe
Kontrolliere die Seite oder das Kapitel nicht nur sprachlich, sondern als prüfbaren Arbeitsweg. Die folgenden Fragen übersetzen die zentralen Schritte von Problemzentriertes Interview in einen Abgabecheck:
- Ist der Arbeitsschritt „Problemfeld und Vorwissen transparent festhalten“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „offenen Gesprächseinstieg und Leitfaden entwickeln“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „mit erzählgenerierenden Fragen beginnen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „Verständnisfragen und gezielte Sondierungen einsetzen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Ist der Arbeitsschritt „Gespräch und Kontext in einem Postskript dokumentieren“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Leitfaden wie einen standardisierten Fragebogen ablesen“ vermeidest?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Vorwissen als bestätigte Wahrheit behandeln“ vermeidest?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Erzählungen zu früh durch Detailfragen unterbrechen“ vermeidest?
- Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Situationsnotizen und eigene Eindrücke nicht getrennt dokumentieren“ vermeidest?
Wenn du eine Frage nicht eindeutig mit einer Textstelle beantworten kannst, fehlt meist eine Begründung, Definition oder Quellenangabe. Ergänze diese Information dort, wo die Entscheidung erstmals relevant wird. Ein später Sammelhinweis im Fazit kann eine Lücke im Methodik- oder Analyseteil nicht vollständig reparieren.
Quellen und passende Vertiefungen
Eine methodische Grundlage bietet Andreas Witzels Darstellung zum problemzentrierten Interview im sozialwissenschaftlichen Fachrepositorium SSOAR.
Passende Ratgeber: Interviewformen, Leitfadeninterview, Interviewführung, Einwilligung.