Das problemzentrierte Interview methodisch korrekt durchführen

Offenes Erzählen mit gezieltem Vorwissen verbinden

Lesezeit ca. 8 Min. · aktualisiert: 24. Juli 2026 · zur Akademie

Das problemzentrierte Interview verbindet Offenheit gegenüber den Sichtweisen der Befragten mit einem klar umrissenen gesellschaftlichen oder biografischen Problem. Der Ablauf kombiniert eine offene Erzählphase mit gezielten Nachfragen. Die interviewende Person bringt theoretisches Vorwissen ein, darf Antworten aber nicht in vorgefertigte Kategorien drängen. Der Ansatz wird besonders mit Andreas Witzel verbunden. Hier erfährst du, wie Leitfaden, Gesprächsphasen, Nachfragen und Dokumentation zusammenspielen.

Begriff und Erkenntnisziel

Im Zentrum steht ein Problemfeld, zu dem Befragte ihre Erfahrungen und Deutungen möglichst frei entfalten sollen. Das Gespräch ist halbstrukturiert: Ein Leitfaden sichert wichtige Themen, während erzählgenerierende Fragen Raum für unerwartete Perspektiven schaffen. Klassisch kann das Verfahren Kurzfragebogen, Leitfaden, Tonaufzeichnung und ein nachträgliches Postskript umfassen. Diese Instrumente sind funktional zu begründen und nicht als starre Checkliste für jedes Projekt zu verstehen.

Vorbereitung und Abgrenzung

Arbeite dein Vorwissen auf, formuliere es aber als vorläufige Orientierung. Der Leitfaden sollte offene Einstiegsfragen, mögliche Vertiefungen und konkrete Nachfragen enthalten. Teste, ob Fragen verständlich sind und keine gewünschte Antwort nahelegen. Trenne kurze Sozialdaten möglichst vom erzählenden Gespräch. Plane außerdem Einwilligung, sichere Aufzeichnung, Pseudonymisierung, Transkription und spätere Löschung, bevor du Personen rekrutierst.

Das problemzentrierte Interview methodisch korrekt durchführen: Überblick
Das problemzentrierte Interview methodisch korrekt durchführen im Überblick.

Vorgehen Schritt für Schritt

  1. Problemfeld und Vorwissen transparent festhalten
  2. offenen Gesprächseinstieg und Leitfaden entwickeln
  3. mit erzählgenerierenden Fragen beginnen
  4. Verständnisfragen und gezielte Sondierungen einsetzen
  5. Gespräch und Kontext in einem Postskript dokumentieren

Dokumentiere alle methodischen Entscheidungen, Anpassungen und begründeten Abweichungen kontinuierlich in einem Arbeitsprotokoll. So kannst du das Methodenkapitel später direkt aus den festgehaltenen Arbeitsschritten verfassen, anstatt dich auf deine Erinnerung zu verlassen.

Durchgehendes Beispiel

Eine Studie untersucht, wie Berufseinsteigerinnen hybride Arbeit erleben. Die Einstiegsfrage lädt dazu ein, von den ersten Monaten im Unternehmen zu erzählen. Der Leitfaden enthält Themen wie Einarbeitung, informeller Austausch und Abgrenzung der Arbeitszeit. Erst nachdem die befragte Person ihren Zusammenhang entfaltet hat, fragt die Interviewerin gezielt nach konkreten Situationen. So bleiben individuelle Relevanzen sichtbar, ohne zentrale Aspekte aus dem Blick zu verlieren.

Häufige Fehler vermeiden

  • Leitfaden wie einen standardisierten Fragebogen ablesen
  • Vorwissen als bestätigte Wahrheit behandeln
  • Erzählungen zu früh durch Detailfragen unterbrechen
  • Situationsnotizen und eigene Eindrücke nicht getrennt dokumentieren

Gute Interviews wechseln nachvollziehbar zwischen Offenheit und thematischer Fokussierung. Im Methodenkapitel erklärst du Erkenntnisinteresse, Sampling, Leitfadenentwicklung, Gesprächsführung und Auswertung. Reflektiere auch die Rolle der interviewenden Person. Aussagen erhalten ihre Bedeutung im Gesprächskontext und dürfen bei der Codierung nicht zu isolierten Stichworten verkürzt werden.

Das problemzentrierte Interview methodisch korrekt durchführen: Schritte

Dokumentation im Methodik- oder Hauptkapitel

Problemzentriertes Interview sollte in der fertigen Arbeit nicht nur als Methodenname oder Überschrift auftauchen. Erkläre zuerst, weshalb das Vorgehen zur Forschungsfrage passt, welches Material einbezogen wird und nach welchen Regeln du Entscheidungen triffst. Danach beschreibst du die tatsächliche Durchführung in der Reihenfolge, in der sie für das Verständnis nötig ist. Abweichungen vom ursprünglichen Plan gehören ebenfalls in die Dokumentation, besonders wenn sie Auswahl oder Ergebnis beeinflussen können.

Trenne Verfahrensbeschreibung, Ergebnis und Bewertung. Die Beschreibung beantwortet, wie du bei Problemzentriertes Interview vorgegangen bist. Der Ergebnisteil zeigt, was dabei herauskam. Erst die Diskussion ordnet Aussagekraft, Alternativen und Grenzen ein. Diese Trennung verhindert, dass nachträgliche Deutungen wie vorher festgelegte Regeln wirken. Tabellen, Protokolle oder Anhänge können Details aufnehmen, müssen aber im Fließtext eingeführt und an der passenden Stelle ausgewertet werden.

Prüffragen vor der Abgabe

Kontrolliere die Seite oder das Kapitel nicht nur sprachlich, sondern als prüfbaren Arbeitsweg. Die folgenden Fragen übersetzen die zentralen Schritte von Problemzentriertes Interview in einen Abgabecheck:

  • Ist der Arbeitsschritt „Problemfeld und Vorwissen transparent festhalten“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
  • Ist der Arbeitsschritt „offenen Gesprächseinstieg und Leitfaden entwickeln“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
  • Ist der Arbeitsschritt „mit erzählgenerierenden Fragen beginnen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
  • Ist der Arbeitsschritt „Verständnisfragen und gezielte Sondierungen einsetzen“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
  • Ist der Arbeitsschritt „Gespräch und Kontext in einem Postskript dokumentieren“ im Text so erklärt, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
  • Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Leitfaden wie einen standardisierten Fragebogen ablesen“ vermeidest?
  • Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Vorwissen als bestätigte Wahrheit behandeln“ vermeidest?
  • Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Erzählungen zu früh durch Detailfragen unterbrechen“ vermeidest?
  • Hast du geprüft und dokumentiert, wie du „Situationsnotizen und eigene Eindrücke nicht getrennt dokumentieren“ vermeidest?

Kannst du eine Prüffrage nicht mit einer konkreten Passage aus deinem Text untermauern, deutet das oft auf eine fehlende Erläuterung, Definition oder Referenz hin. Füge die nötigen Details genau an der Stelle ein, an der die methodische Wahl zum Tragen kommt. Ein nachträglicher Hinweis im Fazit gleicht methodische Lücken im Hauptteil nicht aus.

Quellen und passende Vertiefungen

Eine methodische Grundlage bietet Andreas Witzels Darstellung zum problemzentrierten Interview im sozialwissenschaftlichen Fachrepositorium SSOAR (Andreas Witzel, Dokument 40906).

Passende Ratgeber: Interviewformen, Leitfadeninterview, Interviewführung, Einwilligung.

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Häufige Fragen zu Das problemzentrierte Interview methodisch korrekt durchführen

Ist das problemzentrierte Interview ein Leitfadeninterview?

Es arbeitet meist mit einem Leitfaden, verbindet diesen aber ausdrücklich mit offenen Erzählanreizen und problembezogenem Vorwissen.

Wie viele Fragen sollte der Leitfaden enthalten?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Er muss alle relevanten Themen abdecken, ohne das Gespräch in ein starres Frage-Antwort-Schema zu zwingen.

Was gehört in das Postskript?

Notiere Gesprächssituation, Besonderheiten, Unterbrechungen und erste methodische Eindrücke. Trenne Beobachtung und Interpretation.

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