Das Wahrig gibt es noch, nur nicht mehr im Buchhandel

Von der letzten Auflage 2011 zur Fassung im DWDS

Jahrzehntelang war das Wahrig die bekannteste Alternative zum Duden. Wer es heute kaufen will, findet nur noch Antiquariate. Verschwunden ist das Werk deshalb nicht: Der Bestand ist digital erhalten und frei zugänglich, allerdings an einer Stelle, die kaum jemand vermutet.

Vom Standardwerk zum eingestellten Titel

Das Deutsche Wörterbuch des Lexikografen Gerhard Wahrig erschien erstmals 1966 und wurde über die Jahrzehnte fortgeschrieben, zuletzt unter der Dachmarke Brockhaus Wahrig. Die neunte Auflage von 2011 blieb die letzte gedruckte Ausgabe.

2013 entschied der Verlag, das Buchhandelsgeschäft von wissenmedia zu beenden. Anfang 2014 wurde der Vertrieb der Marken Brockhaus und Wahrig eingestellt. Damit endete die Reihe, ohne dass ein anderer Verlag sie fortgeführt hätte. Aus dem Handel verschwunden zu sein heißt für ein Wörterbuch allerdings nicht dasselbe wie aus der Welt zu sein.

Ein Nachfolger im engeren Sinn existiert also nicht. Was existiert, ist etwas Besseres als ein Nachfolger: der erhaltene Bestand, frei zugänglich und weiter gepflegt.

Wo das Wahrig heute steht

Die digitale Fassung liegt beim Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Grundlage ist die neunte Auflage von 2011 mit rund 114.000 Stichwörtern, der Datenstand entspricht 2018, und gegenüber der Druckfassung sind über 600 Einträge hinzugekommen. Die Nutzungsrechte übertrug Hinrich Burfeind an das DWDS.

Damit ist das Wahrig heute kostenlos nachschlagbar, ohne Konto und ohne Kaufversion. Wer im DWDS ein Wort sucht, bekommt die Wahrig-Angabe neben den anderen dort eingebundenen Wörterbüchern angezeigt und kann die Lesarten direkt vergleichen.

2025 wurden zusätzlich etwa 1.500 Artikel aus dem Wahrig, überwiegend Bedeutungsangaben, in das DWDS-Wörterbuch selbst eingearbeitet. Das Werk lebt also nicht nur als Archivbestand weiter, sondern fließt in die laufende Arbeit ein.

Was das für die Nachschlagepraxis bedeutet

Der praktische Unterschied zum Duden liegt heute weniger im Inhalt als in der Verfügbarkeit. Der Duden pflegt sein Portal selbst und verbindet die Wortangaben mit einer redaktionellen Schreibempfehlung. Das Wahrig steht in einem akademischen Umfeld, in dem Herkunft und Datenstand jedes Bestandteils ausgewiesen sind.

Für eine Rechtschreibfrage nimmst du deshalb weiterhin den Duden oder direkt das amtliche Regelwerk, denn der Wahrig-Bestand hat den Stand von 2018 und bildet spätere Änderungen nicht ab. Für Bedeutungsfragen dagegen ist der Blick auf zwei unabhängig entstandene Beschreibungen ein echter Gewinn, gerade bei Wörtern mit mehreren Lesarten.

Wie sich die verbliebenen Werke insgesamt sortieren, steht in unserer Übersicht der frei zugänglichen Nachschlagewerke, den direkten Vergleich der beiden großen Portale führen wir unter Duden online oder DWDS.

Warum ausgerechnet eine Akademie den Bestand rettete

Der Fall zeigt gut, wie unterschiedlich die Interessen sind. Ein Verlag stellt eine Reihe ein, wenn sie sich nicht mehr rechnet, unabhängig von ihrer Qualität. Eine Akademie hat ein anderes Ziel: Sie will den dokumentierten Wortschatz erhalten und zugänglich halten, auch wenn damit kein Geld verdient wird.

Für alle, die auf Nachschlagewerke angewiesen sind, folgt daraus eine praktische Regel. Wenn zwei Quellen inhaltlich gleichwertig sind, ist die mit institutionellem Träger die verlässlichere Wahl, weil sie einen Eigentümerwechsel eher übersteht. Dasselbe Muster hat das Ende von canoonet gezeigt, dessen Grammatik nur deshalb erhalten blieb, weil ein anderer Anbieter sie übernahm.

Wenn ein gedrucktes Wahrig im Regal steht

Ein Exemplar von 2011 ist als Bedeutungswörterbuch weiterhin brauchbar. Als Rechtschreibautorität ist es das nicht mehr: Seit dem 1. Juli 2024 gilt eine neue Fassung des amtlichen Regelwerks, und einzelne Schreibvarianten sind seither aus dem amtlichen Wörterverzeichnis gestrichen.

Für die Prüfung eigener Texte heißt das: Bedeutungen und Beispiele darfst du dem Band entnehmen, Schreibungen prüfst du gegen eine aktuelle Quelle. Welche Quelle in welchem Fall entscheidet, klärt unsere Seite zu Duden und amtlichem Regelwerk.

In einer wissenschaftlichen Arbeit gehört bei einem gedruckten Band immer die Auflage in den Beleg. Ein Verweis auf das Wahrig ohne Auflagenangabe ist wertlos, weil sich zwischen den Auflagen genau die Angaben geändert haben, wegen derer man nachschlägt.

Häufige Fragen zum Wahrig

Gibt es das Wahrig noch zu kaufen?

Neu nicht mehr. Die neunte Auflage von 2011 war die letzte Druckausgabe, Anfang 2014 wurde der Vertrieb der Marke eingestellt. Gebrauchte Exemplare sind im Antiquariat erhältlich, die digitale Fassung ist ohnehin kostenlos zugänglich.

Ist die Onlinefassung vollständig?

Sie beruht auf der neunten Auflage mit rund 114.000 Stichwörtern und ist gegenüber der Druckfassung um über 600 Einträge erweitert. Der Datenstand entspricht 2018, spätere Sprachentwicklungen und Regeländerungen sind darin nicht enthalten.

Wahrig oder Duden: welches ist richtiger?

Die Frage passt nicht auf die beiden Werke. Verbindlich ist allein das amtliche Regelwerk. Duden und Wahrig beschreiben den Wortschatz, wobei der Duden zusätzlich eine Schreibempfehlung gibt und den aktuelleren Stand hat. Bei Bedeutungsfragen lohnt es, beide zu lesen.

Wie zitiere ich das Wahrig aus dem DWDS?

Mit Werktitel, Auflage und Jahr der zugrunde liegenden Ausgabe, ergänzt um die Onlinequelle, das Stichwort und das Abrufdatum. Wichtig ist, dass erkennbar bleibt, dass du eine digitale Fassung der neunten Auflage benutzt hast und nicht die Druckausgabe.

Warum lohnt ein zweites Wörterbuch überhaupt?

Weil Bedeutungsbeschreibungen redaktionelle Entscheidungen sind. Zwei unabhängig entstandene Beschreibungen desselben Wortes decken unterschiedliche Lesarten auf, und genau an dieser Stelle entstehen im Fachtext die Missverständnisse, die später niemand mehr auflösen kann.

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