Wie erkennst du am Versende männliche und weibliche Kadenz?
Kadenz: männlich oder weiblich am Versende
Die Kadenz ist der Schluss einer Verszeile und kommt in zwei Grundformen vor, der männlichen und der weiblichen Kadenz. Hier erfährst du, wie du beide am Versende unterscheidest und welche Wirkung sie in einer Gedichtanalyse haben kann.
Was ist die Kadenz eines Verses?
Die Kadenz ist der Schluss einer Verszeile. Wenn du in einem Gedicht die Kadenz bestimmst, schaust du auf das Ende der Zeile und nicht auf den ganzen Vers. Die Verslehre kennt zwei Grundformen, die du unterscheiden lernst: die männliche und die weibliche Kadenz. Der Duden führt Kadenz unter anderem als Begriff der Verslehre auf und beschreibt sie als metrische Form des Versschlusses. Daneben gibt es eine musikalische Bedeutung, etwa eine Akkordfolge als Abschluss eines Musikstücks. Hier geht es nur um das Versende, also um den Schluss einer Zeile in einem Gedicht.
Das Portal Mittelhochdeutsche Metrik online der Universität Münster legt dar, dass die Kadenz festlegt, wie die Betonung am Versende verteilt ist. Dieser Satz steht dort für mittelhochdeutsche Verse. Die Seite behandelt mittelhochdeutsche Epik und nennt dort vier Kadenztypen. Ob diese vier Typen auch für neuhochdeutsche Gedichte gelten, lässt sich aus dieser Seite nicht ableiten. Prüfe das deshalb im Lehrbuch deines Kurses oder bei deiner betreuenden Person.
Wer nicht nur das Versende, sondern den Takt der ganzen Zeile bestimmt, wird beim genauen Lesen nicht nur auf die Endsilbe achten, sondern auch auf ein Enjambement im Gedicht, denn der Satz läuft dann über das Versende hinweg weiter.
Damit ist die Kadenz ein Werkzeug der Beschreibung und noch keine Deutung. Die Frage, wie eine Zeile endet, beantwortet dieser Begriff, die Frage nach der Bedeutung des Gedichts bleibt offen.

Woran erkennst du männliche und weibliche Kadenz?
Die Zuordnung hängt an der letzten Silbe der Zeile, und genau dort lohnt der erste Blick. Liegt der Ton auf dieser letzten Silbe, spricht man von männlicher Kadenz, etwa bei Flut und Glut. Fällt der Ton dagegen nicht auf die letzte Silbe, weil die Zeile unbetont endet, liegt weibliche Kadenz vor, etwa bei Ferne und Sterne. Daneben begegnen dir die Ausdrücke stumpf für männlich und klingend für weiblich als gebräuchliche Nebenbezeichnungen; ob dein Kurs sie verwendet, klärst du mit deiner betreuenden Person.
Gehe Vers für Vers in fünf Schritten vor. Die Schritte helfen dir, die Kadenz nicht aus dem Gefühl, sondern am Text festzustellen.
- Lies den Vers laut und in deinem gewohnten Lesetempo.
- Suche die letzte Silbe der Zeile.
- Prüfe, ob diese Silbe betont ist.
- Benenne die Kadenz: betont heißt männlich, unbetont heißt weiblich.
- Trage das Ergebnis für alle Verse in eine Liste mit Vers, letzter Silbe und Kadenz ein.
Am Ende steht eine Liste aller Zeilen mit der jeweiligen Kadenz, die du mit deinen Beobachtungen zum Versbau vergleichen kannst. Erfundenes Beispiel zur Übung: Zeile 1 endet auf Mond, also männlich, und Zeile 2 endet auf Wellen, also weiblich. Schon diese kurze Liste zeigt dir, wo sich die Kadenz verändert und wo sie gleich bleibt.
Für das Sonett kommt eine Zählregel hinzu, die beim Prüfen hilft. Nach der Angabe des Schülerlexikons Lernhelfer hat der Vers im Sonett zehn Silben, wenn die Kadenz männlich ist, und elf, wenn die Kadenz weiblich ist. Diese Angabe bezieht sich auf die Verse des Sonetts und nicht auf andere Gedichte mit weiblicher Kadenz. Zähle dafür bei einem unsicheren Sonettvers die Silben: Nach dieser Angabe hat er zehn Silben bei männlicher Kadenz, elf bei weiblicher.
Welche Wirkung kann die Kadenz in der Analyse haben?
Die Kadenz beschreibt nur das Versende; was sie für den Inhalt bedeutet, muss am Text geprüft werden. Für die Wirkung zählt deshalb auch der Beginn der nächsten Zeile. Folgt auf eine männliche Kadenz eine Hebung, entsteht laut ZUM eine kurze Pause, und die Zeilen setzen sich stärker voneinander ab. Dafür musst du den Anfang der folgenden Zeile ansehen, nicht nur das Ende der aktuellen.
Die folgende Übersicht zeigt, welche Wirkungen je nach Kadenz am Text zu prüfen sind. Es handelt sich um Möglichkeiten und nicht um feste Regeln.
| Kadenz | Endsilbe | Mögliche Wirkung |
|---|---|---|
| männlich | betont | kurze Pause, wenn eine Hebung folgt; die Zeile wirkt stärker abgesetzt |
| weiblich | unbetont | Wirkung ist hier nicht belegt; am Text prüfen, wie der nächste Vers anschließt |
Ein Wechsel der Kadenz oder eine auffällige Häufung ist ein Anlass, sich zu fragen, was der Inhalt an dieser Stelle tut. Erfundenes Beispiel: In einer Strophe enden die ersten vier Zeilen männlich, die fünfte weiblich. Dann lohnt die Frage, ob an dieser Stelle ein neuer Gedanke einsetzt oder der Satz über das Versende hinausreicht.
Wer die Wirkung am Text belegt, sollte mit der Zeilennummer arbeiten und dafür die Verse im Gedicht zitieren, damit deine Beobachtung nachprüfbar bleibt.
Wer eine Beobachtung zur Deutung ausbaut, hat beim Gedichte interpretieren die Aufgabe, Form und Inhalt zu verbinden.

Wo begegnet dir die Kadenz im Sonett und in der Barockzeit?
Im Sonett lohnt der Blick auf die Kadenz, weil der Versbau streng ist, und dieser Gedanke lässt sich vorsichtig festhalten. Das Schülerlexikon Lernhelfer nennt für den Vers des Sonetts zehn Silben bei männlicher Kadenz und elf bei weiblicher Kadenz. Diese Angabe bezieht sich ausdrücklich auf die Verse des Sonetts.
Als Einstieg dient ein barockes Sonett, an dem du die Kadenz Zeile für Zeile bestimmst. Lege dafür die letzte Silbe der Zeile fest, prüfe die Betonung und benenne die Kadenz. Gib dabei keinen Verstext wieder, den du nicht vor dir hast, sondern arbeite nur mit dem Gedicht, das dir vorliegt.
Wer das Gedicht einer Zeit zuordnet, prüft in der Epoche des Barock, ob ein Sonett vorliegt, und achtet dann auf den Versbau, zu dem bei einem Sonett auch die Kadenz gehört. Wer zwei Gedichte nebeneinanderstellt, kann die Kadenzen als Vergleichspunkt nutzen, etwa bei der Vorbereitung auf Gedichtvergleich schreiben.
Daraus lässt sich vorsichtig folgern, dass sich bei Sonetten der Blick auf die Kadenz lohnt, weil der Versbau streng ist. Für andere Gedichtformen lässt sich aus dieser Seite nichts ableiten, dort prüfst du am besten den Leitfaden deines Fachbereichs.
Quellen und Stand
- ZUM.de, Gedichtinterpretation (Wolfgang Winter): Kadenz: www.zum.de (geprüft am 2026-10-06)
- Duden online: Kadenz: www.duden.de (geprüft am 2026-10-06)
- Universität Münster, Mittelhochdeutsche Metrik online: Die Kadenzen im Überblick: www.uni-muenster.de (geprüft am 2026-10-06)
- Lernhelfer Schülerlexikon Deutsch Abitur: Sonett: www.lernhelfer.de (geprüft am 2026-10-06)