Ernst Jandls lichtung: Interpretation und Analyse

lichtung von Ernst Jandl: Sprachspiel mit zwei Lauten

Lesezeit ca. 8 Min. · zuletzt aktualisiert: 13. September 2026 · Alle Gedichtinterpretationen im Überblick

Dieser Beitrag ordnet lichtung von Ernst Jandl ein und zeigt, wie sich Inhalt, Form, Lauttausch und mögliche Deutungen textnah untersuchen lassen. Die belegten Textstellen bleiben auf die zulässigen kurzen Zitate beschränkt.

Herkunft und Grundthema des Gedichts

Ernst Jandl veröffentlichte lichtung zuerst 1963 in der Anthologie Zwischen Raeume. 1966 erschien das Gedicht außerdem in seinem Gedichtband Laut und Luise. Das Entstehungsjahr ist durch die vorliegenden Angaben nicht belegt und sollte deshalb nicht als 1966 ausgegeben werden. Für eine Klausur müssen Entstehungsjahr und Erstdruck aus der verwendeten Quellenangabe übernommen werden.

Der Text ist einstrophig und arbeitet mit der Vertauschung der Buchstaben l und r. Zunächst wird eine Verwechslung von links und rechts zurückgewiesen. Im selben sprachlichen Vorgang erscheinen die Wörter jedoch vertauscht; am Ende steht ein Ausruf über den eigenen Irrtum. Als mögliche Lesart kann darin die Unsicherheit von Orientierung und Bedeutung sichtbar werden, wenn eine kleine sprachliche Verschiebung den Sinn verändert.

Für die Einordnung genügt zunächst diese Inhaltsangabe ohne Deutung: Eine behauptete Unmöglichkeit wird durch die Schreibweise des Gedichts selbst vorgeführt. Die abschließende Reaktion markiert den Wendepunkt. Wer eine Gedichtanalyse schreiben möchte, sollte diese Fakten zuerst von den späteren Lesarten trennen.

lichtung deuten: Vorgehen in drei Schritten

Verlauf und wesentliche Wendepunkte

lichtung besteht aus einer Strophe. Zu Beginn wird mitgeteilt, dass manche Menschen eine Verwechslung von links und rechts für unmöglich halten. Der erste Sinnabschnitt stellt damit eine Behauptung über diese beiden Richtungswörter auf. Noch wird nicht erklärt, weshalb diese Behauptung im Gedicht problematisch wird.

Im nächsten Schritt zeigt der Wortlaut die Verwechslung bereits selbst. Die Buchstaben l und r sind vertauscht. Dadurch werden aus den Richtungswörtern andere Formen; auch das Verb, das die Verwechslung bezeichnet, erscheint verändert. Der Bericht über eine angeblich ausgeschlossene Verwechslung enthält somit genau den Vorgang, von dem er spricht. Der kurze Wendepunkt steht in V. 3 bis 4: „kann man nicht / velwechsern“. Mehr Wortlaut ist für die Inhaltsangabe nicht nötig.

Danach folgt der Schlussausruf. Er reagiert auf den eigenen Irrtum, der durch die vorherige Schreibweise sichtbar geworden ist. Der Ablauf führt also von einer Behauptung über die Unmöglichkeit über die vorgeführte Vertauschung bis zu dieser Reaktion. Für eine Inhaltsangabe genügt es, diese Reihenfolge sachlich wiederzugeben und keine Lesart vorwegzunehmen. Die Formulierung ottos mops von Jandl kann als Suchbegriff stehen bleiben; ein Vergleich mit einem anderen Gedicht gehört aber nicht in die Wiedergabe dieses Verlaufs.

Struktur, Rhythmus und formale Mittel

Tabelle: Merkmal, Feststellung, Prüfung
MerkmalFeststellungPrüfung
StropheDas Gedicht ist einstrophig.Die Strophengrenze am verwendeten Abdruck prüfen.
VerseEine vollständige Verszahl ist in den vorliegenden Angaben nicht ausgewiesen.Die Verse im verwendeten Abdruck zählen.
ReimEin festes Reimschema ist nicht belegt.Die Zeilenenden des Abdrucks vergleichen.
MetrumEin festes Metrum ist nicht belegt.Die betonten Silben des belegten Verses prüfen.

Die Form trägt zur Wirkung bei, weil der Text nicht durch ein festes Reim- oder Metrumsschema geordnet wird. Dadurch fällt der Blick stärker auf die Schreibweise und die vertauschten Buchstaben. Die Kleinschreibung gehört ebenfalls zur sichtbaren Gestaltung. Sie darf beschrieben werden, ohne daraus eine Absicht des Autors abzuleiten.

Für die formale Belegung kann der kurze Nachweis „kann man nicht / velwechsern“ aus V. 3 bis 4 verwendet werden. Er zeigt, dass die Vertauschung nicht nur behauptet, sondern in der Textgestalt vorgeführt wird. Eine Verszahl über die belegten Angaben hinaus sollte nur nach Prüfung des verwendeten Abdrucks genannt werden. Zur Einordnung nach 1945 kann der Begriff Nachkriegsliteratur als Vergleichsseite dienen, ersetzt aber keinen textnahen Formnachweis.

Bildhafte Elemente und Erzählhaltung

Die Sprache lässt sich an vier sichtbaren Verfahren untersuchen. Erstens prägt die durchgehende Kleinschreibung das Schriftbild; sie lässt die Wörter ohne hervorgehobene Satzanfänge erscheinen. Zweitens vertauscht das Gedicht l und r. Dadurch werden die erwarteten Richtungswörter in veränderte Formen überführt, sodass der Buchstabentausch beim Lesen auffällt. Drittens verbindet der Text die Aussage, eine Verwechslung sei nicht möglich, mit einer Schreibweise, die genau diese Verwechslung bereits vollzieht. So stellt der Text seine eigene Behauptung unmittelbar infrage. Viertens setzt das abschließende Ausrufezeichen einen Schlussakzent und macht die Reaktion auf den Irrtum hörbar.

Die zentralen Bilder sind keine ausführlich entfalteten Metaphern. Im Mittelpunkt stehen links und rechts als wörtliche Orientierung. Der Lauttausch verändert ihre erwartete Gestalt und kann dadurch die Sicherheit dieser Orientierung erschüttern. Auch die Form velwechsern aus V. 3 bis 4 zeigt konkret, dass Klang, Schriftbild und Bedeutung zusammenwirken: Das Wort bezeichnet die Verwechslung und ist zugleich selbst vom Austausch betroffen. Weitere Wortlautzitate sollten aus einem verwendeten Abdruck nur nach gesonderter Prüfung übernommen werden.

Die Erzählhaltung bleibt knapp und berichtend. Ein lyrisches Ich tritt nicht als ausführlich beschreibende Figur hervor. Erst der Schlussausruf bringt eine erkennbare Reaktion auf den Irrtum ein. Deshalb kann eine Analyse zwischen der berichtenden Darstellung, dem Buchstabentausch und diesem Ausruf unterscheiden. Der Begriff Neologismus kann für eine neu entstehende Wortform verwendet werden; entscheidend bleibt, ihre Wirkung am Austausch von l und r zu erläutern.

Mechanismus des Buchstabentauschs

Die Spielregel des Gedichts ist die Vertauschung der Laute beziehungsweise Buchstaben l und r. Sie betrifft die Wörter, mit denen links, rechts und das Verwechseln bezeichnet werden. Der Tausch bleibt deshalb nicht auf eine einzelne Stelle beschränkt, sondern bestimmt den sprachlichen Aufbau des Textes. Er ist nicht bloß ein zufälliger Schreibfehler innerhalb der Darstellung, sondern das Verfahren, durch das die Aussage vorgeführt wird.

Durch die Vertauschung entstehen neue Wortformen. Die Richtungswörter erscheinen in veränderter Gestalt, und auch das Verb des Verwechselns wird verändert. Die genaue Wirkung kann paraphrasiert werden: Ein Satz, der Sicherheit über die Unterscheidung behauptet, enthält selbst die sprachliche Verwechslung. Das kurze belegte Zitat aus V. 3 bis 4 zeigt diesen Mechanismus, ohne den geschützten Volltext wiederzugeben.

Der Fehler wird zum Sinn, weil er die Aussage nicht nur stört, sondern sichtbar macht. Inhalt und Form fallen zusammen: Der Text spricht über eine Verwechslung und vollzieht sie zugleich. So wird verständlich, warum die Bedeutung nicht unabhängig vom Laut- und Schriftbild bestimmt werden kann. Diese Beobachtung ist eine textnahe Feststellung; eine weitergehende Aussage über Jandls Absicht wäre damit nicht belegt.

Räumliche und ideologische Dimensionen

Links und rechts haben im Gedicht zunächst die Funktion von Richtungsangaben. Zugleich können beide Wörter politische Lager bezeichnen. Diese zweite Bedeutung eröffnet eine politische Lesart, sie beweist aber keine politische Aussage. Der Text nennt keine Partei, kein Programm und keinen politischen Vorgang. Deshalb sollte die politische Deutung als mögliche Lesart mit Einwand formuliert werden.

Für diese Lesart spricht, dass die beiden Richtungswörter nicht sicher auseinandergehalten werden. Die Verwechslung kann als Bild für einen Irrtum bei politischen Zuordnungen gelesen werden. Der Text trägt jedoch nur so weit, wie die Vertauschung und die Reaktion darauf tatsächlich erkennbar sind. Eine konkrete historische oder parteipolitische Aussage lässt sich daraus nicht ableiten.

Wichtig ist daher die vorsichtige Formulierung: Das Gedicht behauptet nicht, dass ein bestimmtes politisches Lager falsch liegt. Es vertauscht die Bezeichnungen und macht dadurch die Unsicherheit der Unterscheidung sichtbar. Die politische Lesart ergänzt die wörtliche Richtungsangabe, ersetzt sie aber nicht. Der Begriff Repetitio wird für diese Analyse nicht herangezogen.

Zugehörigkeit zur experimentellen Lyrik

Die Begriffe Sprechgedicht, Lautgedicht und konkrete Poesie sind durch die vorliegenden Angaben nicht als feste Zuordnung für lichtung belegt. Als Arbeitsbegriffe lässt sich ein Sprechgedicht über das gesprochene Vortragen, ein Lautgedicht über die Wirkung von Lauten und ein Text der konkreten Poesie über Sprache als sichtbares und gestaltetes Material erschließen. Diese Erklärungen liefern noch keine gesicherte Gattungsentscheidung.

Eine Zuordnung zum Sprechgedicht ist möglich, weil der abschließende Ausruf und die veränderten Wörter beim Sprechen hörbar werden können. Als mögliches Lautgedicht lässt sich der Text lesen, weil der Austausch von l und r den Klang der Richtungswörter sowie des Verbs für Verwechslung verändert. Für eine mögliche Nähe zur konkreten Poesie spricht, dass durchgehende Kleinschreibung und Buchstabentausch auch im Schriftbild sichtbar sind. In allen drei Fällen bleiben dies begründete Möglichkeiten, keine durch die Quelle gesicherten Etiketten.

Unabhängig von der Gattungsfrage sind die nachweisbaren Merkmale genauer zu benennen: Das Gedicht ist einstrophig, durchgehend kleingeschrieben und folgt keinem festen Metrum oder Reimschema. Seine sprachliche Konstruktion beruht auf dem Austausch von l und r. Die Aussage über die Unmöglichkeit einer Verwechslung enthält diesen Austausch bereits selbst; der Schlussausruf reagiert auf den sichtbar gewordenen Irrtum. So kann die Analyse Textmerkmale und mögliche Zuordnungen klar voneinander trennen.

Mögliche Lesarten und Argumentationen

Eine textnahe Hauptlesart versteht lichtung als Untersuchung der Frage, wie sicher sprachliche Orientierung ist. Der Text stellt zunächst die Unterscheidung von links und rechts als unmöglich zu verwechseln dar. Danach zeigt die Vertauschung, dass die Behauptung durch ihre eigene sprachliche Form unterlaufen wird. Die erste Belegstelle ist deshalb die Aussage über die angebliche Unmöglichkeit; die zweite ist der veränderte Ausdruck aus V. 3 bis 4, „kann man nicht / velwechsern“. Zusammen zeigen beide Stellen das Verhältnis von Behauptung und Vorführung.

Eine zweite Lesart kann den Text stärker als Sprachspiel verstehen. Dann steht nicht eine übertragene Botschaft im Mittelpunkt, sondern die komische und überraschende Wirkung des Lauttauschs. Diese Lesart wird durch die sichtbaren Wortveränderungen gestützt. Sie widerspricht der ersten Lesart nicht zwingend, weil ein Sprachspiel zugleich eine Aussage über die Unsicherheit von Bedeutung ermöglichen kann.

Beide Deutungen bleiben Lesarten. Der Text legt keine einzige abschließende Wahrheit über Jandls Absicht fest. In der Interpretation sollte deshalb zwischen belegter Textbeobachtung und weiterführender Deutung unterschieden werden. Eine gute Schlussformulierung bindet die gewählte Lesart an die Vertauschung zurück und nennt den Einwand, dass der Text auch als eigenständiges Sprachspiel gelesen werden kann.

Historischer Kontext und zeitliche Einordnung

Eine feste Epochenzuordnung lässt sich mit den vorliegenden Angaben nicht belegen. Für die zeitliche Einordnung ist nur gesichert: lichtung wurde 1963 erstmals in einer Anthologie veröffentlicht und 1966 in Ernst Jandls Gedichtband Laut und Luise aufgenommen. In einer Klausur kann daher zunächst dieses Veröffentlichungsdatum genannt werden. Eine Epochenbezeichnung sollte nur ergänzt werden, wenn das verwendete Unterrichtsmaterial sie ausdrücklich begründet.

Am Text können zwei Merkmale beschrieben werden, ohne daraus eine Epoche abzuleiten: die durchgehende Kleinschreibung sowie das Fehlen eines festen Metrums und Reimschemas. Außerdem beruht der Verlauf auf dem Tausch der Buchstaben l und r. Diese Beobachtungen gehören in die Form- und Sprachanalyse; sie liefern für sich keine abgesicherte historische Zuordnung.

Die Wörter Nachkriegsliteratur und Gegenwartsliteratur können als Begriffe in anderen Materialien auftauchen. Für lichtung darf Nachkriegsliteratur hier jedoch nicht behauptet werden, weil die vorliegenden Angaben dafür keinen Nachweis bieten. Nicht in ein starres Schema passt besonders, dass der Text vor allem ein Sprachspiel mit vertauschten Buchstaben vorführt. Trenne deshalb Veröffentlichungsangaben, Textmerkmale und eine mögliche Epochenbezeichnung klar voneinander.

lichtung deuten: Prüfliste mit vier Punkten

Methodik für schriftliche Prüfungen

Als Einleitungssatz kann folgende Vorlage dienen: „Ernst Jandls einstrophiges Gedicht lichtung, das 1963 erstmals veröffentlicht und 1966 in Laut und Luise aufgenommen wurde, kann als [Gattungsbezeichnung nach verwendeter Definition] eingeordnet werden und zeigt die Verwechslung von links und rechts durch den Tausch von l und r.“ Der Platzhalter verhindert eine unbelegte Festlegung auf Sprechgedicht, Lautgedicht oder konkrete Poesie. Das Thema sollte anschließend als eigene, textnahe Lesart entwickelt werden.

  1. Gib zuerst den Verlauf wieder: die Behauptung über die Unmöglichkeit der Verwechslung, die bereits im Wortlaut sichtbare Vertauschung und den Schlussausruf.
  2. Untersuche danach die Form. Benenne die eine Strophe, die durchgehende Kleinschreibung sowie das fehlende feste Reim- und Metrumschema.
  3. Analysiere anschließend das Verfahren. Erkläre, wie der Austausch von l und r Richtungswörter und das Verb für die Verwechslung verändert.
  4. Entwickle danach eine Deutung als Lesart und stütze sie an einer genauen Textbeobachtung.
  5. Fasse am Ende zusammen, wie das Sprachspiel die gewählte Lesart trägt.

Drei Fehler lassen sich vermeiden: Erstens sollte die Vertauschung nicht nur genannt, sondern an ihrer Funktion im Satz erklärt werden. Zweitens darf eine politische Aussage nicht als sicherer Gedichtinhalt erscheinen. Drittens dürfen keine weiteren Verse aus dem geschützten Wortlaut übernommen werden. Prüfe außerdem vor dem Schreiben die Angaben zu Erstdruck, Aufnahme in den Gedichtband, Strophenform und Gattungsbezeichnung am verwendeten Material. Wer die Gedichtanalyse schreiben möchte, kann die Reihenfolge Inhalt, Form, Sprache, Deutung und Schluss als Arbeitsplan nutzen.

Quellen und Stand

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Häufige Fragen zu lichtung

Wie viel Wortlaut darf ich in einer Interpretation zitieren?

Verwende höchstens zwei kurze Verse und nur Wortlaut, der für deinen verwendeten Nachweis belegt ist. Den übrigen Verlauf gibst du sinngemäß wieder.

Ist lichtung ein politisches Gedicht?

Eine politische Lesart ist möglich, weil links und rechts sowohl Richtungen als auch politische Lager bezeichnen können. Der Text selbst vertauscht diese Wörter, nennt aber kein politisches Programm. Formuliere die politische Deutung daher als Lesart mit Einwand.

Wie beschreibe ich fehlenden Reim und fehlendes Metrum?

Benenne, dass kein festes Reimschema und kein festes Metrum belegt sind. Erkläre anschließend, dass dadurch die Aufmerksamkeit stärker auf Schreibweise, Lauttausch und Wortform gelenkt wird.

Welche Gattungsbegriffe passen zu lichtung?

Sprechgedicht, Lautgedicht und konkrete Poesie setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Begründe die Zuordnung jeweils mit der hörbaren Vertauschung sowie mit der sichtbaren und sprachlichen Gestaltung des Textes.

Wie formuliere ich die Deutung?

Formuliere eine Hauptlesart und belege sie mit zwei Textstellen. Nenne außerdem eine zweite Lesart oder einen Einwand. Schreibe, dass es sich um eine mögliche Deutung handelt.

Muss ich die genaue Verszahl nennen?

Prüfe die Verszahl im verwendeten Abdruck und übernimm sie erst danach. Die vorliegenden Angaben belegen den kurzen Abschnitt aus V. 3 bis 4, aber keine vollständige Verszählung.

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