Aufgabenstellung für Klassenarbeiten formulieren
Jede Mehrdeutigkeit zahlen Sie beim Korrigieren zurück
Wer eine Aufgabenstellung für Klassenarbeiten formulieren muss, schreibt einen Text, der unter Prüfungsbedingungen gelesen wird: einmal, unter Zeitdruck, ohne Nachfragemöglichkeit. Was dort mehrdeutig ist, führt zu zwei vertretbaren Lösungswegen, und beide müssen Sie anschließend bewerten und begründen.
Der Aufwand verlagert sich damit vom Schreiben ins Korrigieren, und zwar mit ungünstigem Wechselkurs: Zehn Minuten mehr beim Formulieren sparen oft mehrere Stunden bei der Korrektur und ersparen im Zweifel eine Widerspruchsdiskussion.
Operatoren: das schärfste Werkzeug, oft unscharf benutzt
Operatoren wie nennen, beschreiben, erläutern, analysieren, beurteilen sind in den Bildungsplänen definiert und legen die geforderte Leistung fest. Genau deshalb dürfen sie nicht als Stilvariation eingesetzt werden.
Ein häufiges Muster: In der Aufgabe steht "beschreibe", erwartet wird aber eine Analyse mit Deutung. Wer nur beschreibt, hat die Aufgabe erfüllt und bekommt trotzdem Abzüge, was schwer zu begründen ist.
Ebenso problematisch ist die Häufung. "Analysiere und beurteile den Text und gehe dabei auf die Wirkung ein" enthält drei Anforderungen in einem Satz. Trennen Sie sie in nummerierte Teilaufgaben, dann sieht die Klasse auch die Gewichtung.
Fünf Formulierungen, die Rückfragen erzeugen
- "Gehe auf ... ein" ohne Operator: unklar, ob nennen, erklären oder bewerten gemeint ist
- "Unter anderem" in der Anforderung: lässt offen, was noch erwartet wird
- "Kurz" ohne Umfangsangabe: eine Zeile oder ein Absatz?
- Doppelte Verneinung: unter Zeitdruck fast sicher missverstanden
- Verweise auf "den Text", wenn zwei Texte vorliegen
Der letzte Punkt klingt banal, ist aber in Deutsch- und Geschichtsarbeiten mit Materialteil der häufigste Fehler überhaupt. Nummerieren Sie Materialien und verweisen Sie ausschließlich über die Nummer.

Material und Layout entscheiden mit
Eine sprachlich saubere Aufgabe kann trotzdem scheitern, wenn das Blatt sie versteckt. Unter Prüfungsdruck wird gescannt, nicht gelesen: Was optisch nicht hervorsticht, wird übersehen.
Praktisch heißt das: Jede Teilaufgabe beginnt in einer neuen Zeile, die Punktzahl steht direkt dahinter, Material und Aufgabe stehen nicht ineinander verschachtelt. Wenn ein Text als Grundlage dient, gehört er auf eine eigene Seite oder klar abgesetzt in einen Kasten.
Achten Sie außerdem auf Zeilennummern bei längeren Materialtexten. Ohne sie kann niemand präzise zitieren, und Sie können beim Korrigieren nicht nachvollziehen, worauf sich eine Antwort bezieht.
Die Arbeitsanweisung am Kopf des Blattes
Über den eigentlichen Aufgaben steht meist ein Block mit Rahmenangaben, der selten überarbeitet wird: erlaubte Hilfsmittel, Bearbeitungszeit, Hinweise zur Darstellung. Genau dort entstehen Streitfälle, weil der Block aus einer alten Arbeit übernommen wurde.
Prüfen Sie ihn jedes Mal neu: Stimmt die Zeitangabe mit dem tatsächlichen Umfang überein? Ist das Wörterbuch erlaubt, das die Klasse mitgebracht hat? Passt der Hinweis auf den Taschenrechner zu dieser Arbeit? Ein veralteter Kopf macht eine sonst saubere Arbeit angreifbar.
Der Erwartungshorizont schreibt die Aufgabe mit
Ein praktischer Trick: Formulieren Sie den Erwartungshorizont vor oder zumindest parallel zur Aufgabe. Wenn Sie beim Aufschreiben der erwarteten Lösung merken, dass Sie etwas voraussetzen, das in der Aufgabe nicht steht, haben Sie die Lücke gefunden, bevor die Klasse sie findet.
Das gilt besonders für Punkteverteilungen. Wenn eine Teilaufgabe acht von zwanzig Punkten trägt, muss die Aufgabenstellung erkennen lassen, dass hier mehr erwartet wird als in einer Zwei-Punkte-Aufgabe. Eine Punkteangabe direkt an der Teilaufgabe leistet das.

Nachteilsausgleich und Differenzierung mitdenken
Wenn einzelne Kinder einen Nachteilsausgleich haben, betrifft das oft die Aufgabenstellung selbst: mehr Zeit, vereinfachte Sprache, größere Schrift, weniger Teilaufgaben. Diese Fassungen entstehen meist kurz vor der Arbeit und werden selten gegengelesen.
Wichtig ist, dass die angepasste Fassung dieselbe Anforderung stellt wie das Original. Wer beim Vereinfachen aus "erläutere" ein "nenne" macht, senkt das Anforderungsniveau, statt einen Nachteil auszugleichen. Das ist ein anderer Vorgang und muss bewusst entschieden sein.
Beim Prüfen vergleichen wir auf Wunsch beide Fassungen und melden, wo sich Anforderung oder Umfang unterscheiden.
Was wir prüfen
Wir lesen Aufgabenstellungen wie eine Schülerin unter Zeitdruck: Wo lässt der Satz zwei Lesarten zu, wo fehlt ein Bezug, wo widersprechen sich Aufgabe und Punkteverteilung? Solche Stellen markieren wir als Kommentar, statt sie umzuschreiben, denn was gefordert werden soll, wissen nur Sie.
Zusätzlich prüfen wir Formalia: einheitliche Nummerierung, Verweise auf existierende Materialien, konsistente Operatoren über alle Teilaufgaben.
Eine Einschränkung: Zentrale Prüfungsaufgaben und Abituraufgaben unterliegen der Geheimhaltung und dürfen die Schule nicht verlassen. Was wir prüfen können, sind Ihre eigenen Klassenarbeiten und Klausuren. Mehr dazu unter Korrekturlesen für Lehrkräfte.