Englisch wissenschaftlich schreiben, die 5 Stolpersteine für Deutschsprachige
Englisch wissenschaftlich schreiben: 5 Stolpersteine
Über 95 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen erscheinen heute auf Englisch. Wer aus dem Deutschen kommt, schreibt aber selten so neutral, wie es im Paper nötig wäre. Diese fünf Stolpersteine kosten am häufigsten Punkte.
1. False Friends, die jeder Reviewer markiert
Deutschsprachige begegnen beim wissenschaftlichen Schreiben auf Englisch besonders häufig diesen fünf Stolpersteinen. Englisch und Deutsch teilen sich tausende Wörter, doch die Bedeutung verschiebt sich oft subtil. Genau diese Verschiebung schlägt im Paper voll durch, weil Reviewer den Begriff anders verstehen als du ihn gemeint hast.
Die teuersten Klassiker, die du dir markieren solltest: eventually heißt „schließlich, am Ende“ und nicht „eventuell“ (das wäre possibly). Actually heißt „in Wirklichkeit“ und nicht „aktuell“ (das ist currently). Sensible bedeutet „vernünftig“, nicht „sensibel“ (das wäre sensitive). To become heißt „werden“, nicht „bekommen“ (das ist to receive).
Auch concept, control, meaning, character und genial sind notorisch. Lege dir vor der Abgabe eine Such-Liste an und gehe das Dokument einmal nur mit dieser Liste durch. Zehn Minuten Strg+F sparen dir oft eine ganze Notenstufe.
2. Komma-Regeln, die im Englischen einfach nicht greifen
Im Deutschen ist das Komma grammatisch. Jeder dass-Satz, jeder Relativsatz, jede Infinitivgruppe bekommt eines. Im Englischen ist das Komma rhetorisch und wird deutlich sparsamer gesetzt. Wer den deutschen Reflex behält, produziert Sätze, die im Englischen overpunctuated wirken.
Drei harte Faustregeln, die du übernehmen kannst. Erstens: vor that in einem objekt- oder subjektartigen Nebensatz steht kein Komma („I argue that the model fails“, nicht „I argue, that…“). Zweitens: restriktive Relativsätze mit that oder who stehen ohne Komma, nur nicht-restriktive mit which bekommen Kommas. Drittens: vor Infinitivkonstruktionen kein Komma („We aim to show“, nicht „We aim, to show“).
Wenn du dir unsicher bist, lies den Satz laut. Wo du im Englischen wirklich eine Pause machst, kommt eher ein Komma hin. Wo nicht, lass es weg.
3. Schachtelsätze, die im Englischen niemand mehr versteht
Deutsch erlaubt es, das Verb zwanzig Wörter weit hinten zu parken. Englisch nicht. Wenn Subjekt und Hauptverb mehr als sieben bis acht Wörter auseinanderliegen, verliert der Leser den Faden, und ein deutsches Verb-am-Ende klingt im Englischen sofort nach Übersetzung.
Konkret: trenne lange deutsche Schachtelsätze in zwei bis drei englische Sätze auf. Nutze Konnektoren wie however, therefore, thus, in contrast am Satzanfang, statt alles in einen Bandwurm zu pressen. Beginne neue Gedanken aktiv mit Subjekt und Verb („This result indicates…“) statt mit langen Vorfeldern („In the context of the present analysis it can be shown that…“).
Faustregel: ein Gedanke pro Satz, Subjekt und Verb möglichst nah beieinander, durchschnittliche Satzlänge unter 22 Wörter.
4. Nominalstil, der die Hälfte des Textes überflüssig macht
Deutsche Wissenschaftssprache liebt Nomen auf -ung, -heit, -keit. „Die Durchführung der Untersuchung erfolgte unter Berücksichtigung…“ ist im Deutschen normal. Übersetzt klingt es schwerfällig und vor allem länger als nötig. Englische Reviewer streichen Nominalketten reflexartig zusammen.
Mach dir einen Verb-Reflex: wo im Deutschen ein -ung-Wort steht, suchst du im Englischen das passende Verb. Aus the implementation of the method wird we implemented the method. Aus an analysis was conducted wird we analyzed. Aus a comparison with prior work shows wird compared with prior work, X shows.
Bonus-Effekt: du sparst pro Absatz 15 bis 25 Prozent Wörter und kommst unter Wortlimits, ohne Inhalt zu opfern.
5. Hedging und Stimme, die dich seriös klingen lassen
Im Deutschen wirkt eine starke Behauptung schnell vermessen, deshalb greifen viele zum Passiv und zum unpersönlichen man. „Es kann angenommen werden, dass…“ ist Standard. Im englischen Paper ist das zu vorsichtig und gleichzeitig zu passiv. Top-Journals erlauben und erwarten ein zurückhaltendes we.
Die saubere Lösung heißt moderates Hedging mit aktiver Stimme. Statt it can be assumed that schreibst du we argue that, this suggests that, the data indicate that. Statt it was found nimmst du we found. Reservoir an Hedging-Verben, die du dir merken solltest: suggest, indicate, imply, point to, appear to, tend to. Reservoir an Sicherheits-Verben für klare Befunde: show, demonstrate, confirm, establish.
Faustregel: behaupte, was deine Daten hergeben, und hedge dort, wo du extrapolierst. Nicht umgekehrt.
Studien zum Thema
- Akademie für Politische Bildung Tutzing, Analyse Web of Science (Bezugsjahr 2015, publiziert 2020): Rund 95 Prozent der sozialwissenschaftlichen und 98 Prozent der naturwissenschaftlichen Publikationen erscheinen auf Englisch, auf Deutsch nur noch etwa ein Prozent. Quelle
- Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Datenbank Studienangebot 2024: Über 1.000 rein englischsprachige Studiengänge an deutschen Hochschulen, Tendenz steigend, was den Druck auf wissenschaftliches Englisch deutlich erhöht. Quelle