Christian Morgensterns Das Nasobem: Interpretation und Analyse
Das Nasobem von Morgenstern: Inhalt, Form und Deutung
Das Nasobem ist ein zwölfversiges Gedicht von Christian Morgenstern, erstmals 1908 in einer erweiterten Ausgabe der Galgenlieder gedruckt. Es beschreibt ein erfundenes Tier in der sachlichen Sprache eines Lexikoneintrags. Diese Seite erklärt Inhalt, Form, Sprache und Deutung Schritt für Schritt.
Einordnung: Autor, Erstdruck und Thema
Christian Morgenstern brachte Das Nasobem erstmals 1908 heraus, in der dritten, veränderten und vermehrten Ausgabe der Galgenlieder (Bruno Cassirer, Berlin 1908, S. 51). Wikipedia hält fest, dass die erste Auflage der Galgenlieder 1905 erschien und das Gedicht noch nicht enthielt; Morgenstern hatte laut Wikipedia ab 1895 an dem Band gearbeitet und ihn schrittweise erweitert. Das Gedicht schildert ein Wesen namens Nasobem, das auf seinen Nasen einherläuft und von seinem Kind begleitet wird, und erklärt, dieses Tier stehe noch in keinem der großen Nachschlagewerke, sei aber aus der Leier des Dichters ans Licht getreten. Das Thema ist das Spiel mit einem erfundenen Lebewesen und dem Anspruch, alles Wissen vollständig in Lexika zu versammeln. Wer eine vollständige Gedichtanalyse schreiben möchte, findet hier alle Bausteine von der Einordnung bis zur Deutung.

Inhalt: Was passiert Strophe für Strophe?
Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je vier Versen. In der ersten Strophe (V. 1 bis 4) wird das Nasobem eingeführt: Es schreitet auf seinen Nasen einher und wird von seinem Kind begleitet. Der letzte Vers der Strophe lautet: Es steht noch nicht im Brehm. Damit ist das Tier benannt und sofort in ein Spannungsverhältnis zur wissenschaftlichen Erfassung gebracht. Die Schilderung bleibt sachlich und beschreibend, als handelte es sich um einen Beobachtungsbericht aus der Naturkunde.
Die zweite Strophe (V. 5 bis 8) führt die Liste fehlender Einträge weiter: Es steht noch nicht im Meyer. / Und auch im Brockhaus nicht. Dann folgt eine entscheidende Wendung: Es trat aus meiner Leyer / zum ersten Mal ans Licht. Hier gibt der Sprecher offen zu, dass das Nasobem allein aus seinem Vers entstanden ist. Keine Forschungsreise, keine Naturbeobachtung hat es entdeckt, einzig die Dichtung.
Die dritte Strophe (V. 9 bis 12) wiederholt die ersten vier Verse fast wortgleich, fügt jedoch einen kleinen Einschub ein: Auf seinen Nasen schreitet / (wie schon gesagt) seitdem, / von seinem Kind begleitet, / einher das Nasobēm. Die Klammer verleiht dem Tier Beständigkeit: Es existiert nun, weil es im Gedicht existiert, und wird als bekannte Tatsache vorausgesetzt. Keine Deutung soll an dieser Stelle vorweggenommen werden; der Verlauf spricht für sich.
Form: Strophen, Verse und Reim
Das Gedicht hat nach Wikisource 12 Verse in drei Strophen zu je vier Versen. Das Reimschema folgt durchgehend dem Kreuzreim (abab cdcd abab). In der ersten Strophe reimen schreitet und begleitet aufeinander, ebenso Nasobēm und Brehm. Das Metrum lässt sich nach eigener Zählung vorsichtig als wechselnd vier- und dreihebig beschreiben; eine gesicherte metrische Einordnung erlaubt das Quellenmaterial nicht, weshalb hier Zurückhaltung geboten ist.
Die gleichmäßige Strophenform und der regelmäßige Kreuzreim erzeugen einen ruhigen, sachlichen Rhythmus. Dieser Rhythmus ahmt die Sprache eines Lexikoneintrags oder eines zoologischen Protokolls nach und macht den Witz des Gedichts erst spürbar: Ein Wesen, das es nicht gibt, wird in einer Form beschrieben, die Verlässlichkeit und Objektivität signalisiert. Die Wiederholung der ersten Strophe am Schluss verstärkt diesen Eindruck weiter, als würde ein Handbucheintrag ein zweites Mal angeführt, um seine Geltung zu bestätigen. Form und Inhalt arbeiten hier Hand in Hand gegen die Erwartung des Lesers.
Sprache: Stilmittel und Bilder
Das beherrschende Stilmittel ist der Neologismus: Das Wort Nasobem ist eine Wortschöpfung, die das lateinische Wort für Nase mit einer wissenschaftlich klingenden Endung verbindet und dem erfundenen Tier sofort den Anschein einer taxonomischen Benennung gibt. Das zweite zentrale Stilmittel ist die Ironie: Das Gedicht benutzt einen völlig nüchternen, berichtenden Ton für ein offenkundig absurdes Wesen. Die Aufzählung der fehlenden Lexikoneinträge klingt wie ein sachlicher Befund, nicht wie ein Scherz.
Eine dritte Figur ist der Parallelismus in Strophe zwei: Es steht noch nicht im Meyer. / Und auch im Brockhaus nicht. Beide Verse verneinen nach demselben Muster, auch wenn sie mit unterschiedlichen Wörtern beginnen, und diese wiederholte Verneinung dehnt die Liste der Lücken und betont, wie viele Nachschlagewerke das Nasobem übergangen haben. Daran schließt sich die Pointe in Strophe drei an: Der Einschub (wie schon gesagt) in Vers 10 klingt wie ein Querverweismarker in einem Sachtext und tut so, als sei die Beschreibung des Tieres bereits an früherer Stelle gesichert worden.
Das zentrale Bild des Gedichts ist das Tier selbst, das auf Nasen läuft. Dieses Bild verbindet körperliche Absurdität mit der Würde eines beschrifteten Präparats. Das lyrische Ich meldet sich in Strophe zwei (V. 7 bis 8) zu Wort und nennt die eigene Leier als einzige Quelle des Tieres; es tritt als schöpferische Instanz auf, nicht als neutraler Beobachter. Diese Haltung ist für die Deutung des gesamten Gedichts entscheidend.
Das fiktive Tier: Das Nasobem als erfundenes Wesen
Das Nasobem ist als vollständig erfundenes Wesen zu lesen: Es bewegt sich auf Nasen fort, eine anatomische Vorstellung ohne jede Entsprechung in der Natur. Das Tier wird dennoch so beschrieben, als wäre sein Gang eine beobachtete Tatsache. Dass es sein Kind bei sich trägt, gibt ihm eine soziale Struktur, die Normalität und Verlässlichkeit suggeriert. Ein erfundenes Lebewesen erhält so die Würde eines dokumentierten Tieres.
Der Einschub (wie schon gesagt) in der dritten Strophe (V. 10) ist eine Geste der Selbstbeglaubigung: Er tut so, als sei die Beschreibung des Nasobems bereits früher und an anderer Stelle festgehalten worden, und als handele es sich bei der Wiederholung nur um eine knappe Erinnerung für das Gedächtnis des Lesers. Die erneute Nennung derselben Verse macht das Tier zu einem etablierten Faktum, ohne dass ein einziger Beweis geliefert worden wäre.
Der eigentliche Scherz liegt genau hier: Ein vollständig erdachtes Wesen tritt in der sachlichen Sprache der Zoologie auf und gibt vor, als gehöre es in einen Lexikoneintrag neben Brehm, Meyer und Brockhaus. Das Fehlen in diesen Werken erscheint im Gedicht nicht als Beweis der Nichtexistenz, sondern als bedauerliche Lücke der Herausgeber. Das Nasobem benimmt sich wie ein längst bekanntes Tier, das noch auf seine offizielle Erfassung wartet.
Das Lexikonspiel: Brehm, Meyer und Brockhaus
Die Nennung von Brehm, Meyer und Brockhaus ist kein beliebiger Verweis: Diese drei Namen stehen für das enzyklopädische Gesamtwissen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihr Fehlen zu beklagen, liest sich als Spiel mit dem Versprechen, Wissen vollständig und lückenlos zu erfassen. Das Nasobem fehlt nicht wegen eines Druckfehlers oder eines Irrtums der Herausgeber. Es fehlt, weil es nicht existiert, aber das Gedicht behandelt diesen Unterschied als unerheblich.
Entscheidend ist der Satz Es trat aus meiner Leyer / zum ersten Mal ans Licht (V. 7 bis 8): Der Dichter benennt sich selbst als einzigen Zeugen und Schöpfer. Die Leier steht hier für das dichterische Handwerk; aus ihr, nicht aus einem Naturbuch oder einer Feldbeobachtung, ist das Tier hervorgegangen. Dieser Satz ist die Selbstauskunft des Dichters und zugleich die Auflösung des gespielten Rätsels.
Wikipedia hält fest, dass Das Nasobem inzwischen als Beispiel gilt, wie eine dichterische Idee zahlreiche Folgeschriften ausgelöst hat. Gerolf Steiner, der unter dem Pseudonym Harald Stümpke veröffentlichte, griff Morgensterns Erfindung auf und schrieb eine zoologische Monografie über die Rhinogradentia als angebliche Tierordnung. Das Werk erschien erstmals 1957 und erlebte seither mehrere Nachdrucke. Es behandelt das Nasobem gleichsam als wissenschaftlich beschriebene Gattung und tut so, als hätte die Zoologie das Tier längst in ihre Systeme aufgenommen. Das Gedicht hat damit den Scherz, den es inszeniert, in die Realität verlängert: Es gibt nun tatsächlich einen fingierten Lexikoneintrag, und der Zoologenwitz lebt weiter.
Deutung: Wie lässt sich das Gedicht lesen?
Eine textnahe Hauptlesart versteht Das Nasobem als Satire auf den Vollständigkeitsanspruch des Lexikons. Das Gedicht erfindet ein Wesen, stellt es in die Reihe echter Tiere und fragt dann, warum es in den großen Nachschlagewerken noch fehlt. Die Absurdität liegt darin, dass die Abwesenheit eines nicht existierenden Tieres aus Enzyklopädien kein Mangel ist. Belegen lässt sich diese Lesart an der Aufzählung in den Versen 4 bis 6, die Wissen als Akt der Verschriftlichung zeigen, und an der Selbstauskunft Es trat aus meiner Leyer / zum ersten Mal ans Licht (V. 7 bis 8), wo der Dichter die Dichtung offen als alleinige Quelle des Tieres ausweist.
Eine zweite Lesart betont das rein sprachliche Spiel: Das Gedicht erfindet nicht nur ein Tier, sondern zuerst ein Wort für es. Das Wort Nasobem ruft ein Bild hervor, und dieses Bild gewinnt durch die Wiederholung in Strophe drei fast den Anschein von Realität. Sprache erschafft hier, was kein Naturforscher je gefunden hat. Diese Lesart hat ihre eigene Stärke, bleibt aber anfechtbar, weil das Gedicht zugleich explizit auf die Lücken in realen Nachschlagewerken hinweist und damit über ein reines Sprachexperiment hinausgeht.
Beide Lesarten sind als Deutungsangebote zu verstehen, nicht als abschließende Antwort. Zum Vergleich lässt sich Ottos Mops von Jandl heranziehen, ein Gedicht, das durch konsequente Vokalveränderung zeigt, wie Sprache allein neue Bedeutungswelten öffnen kann, und das mit ähnlicher Leichtigkeit sprachliche Grenzen auslotet.
Epoche: Einordnung und Merkmale
Das Quellenmaterial liefert keinen direkten Beleg für eine Epochenzuordnung, deshalb ist hier besondere Vorsicht geboten. Die Galgenlieder erschienen laut Wikipedia erstmals 1905 und wurden 1908 erweitert; das Gedicht liegt damit zeitlich in einer Phase, die man mit dem Begriff der Moderne in Verbindung bringen kann. Zwei Merkmale des Textes passen zu dem, was in dieser Epoche als literarisches Kennzeichen gilt: das Auflösen fester Gattungsgrenzen, weil das Gedicht einen zoologischen Protokollstil aufgreift und ihn für ein dichterisches Spiel nutzt, und die ironische Distanz zum Wissensanspruch, weil die Enzyklopädien als lückenhaft vorgeführt werden.
Was nicht ins Epochenbild passt: Das Nasobem zeigt keine Großstadterfahrung, keinen Bewusstseinsstrom und keine existenzielle Schwere, die in vielen Texten dieser Zeit begegnen. Es ist ein heiteres Sprachspiel, das eher die Tradition des englischen Nonsense-Gedichts und des deutschen Unsinnsverses fortführt als den Epochenwandel um 1900 zu tragen. Wer das Gedicht epochal einordnet, sollte diese Einschränkung ausdrücklich benennen und die Einordnung als Annäherung, nicht als gesicherte Aussage formulieren.

Klausur: Einleitungssatz und typische Fehler
Ein Einleitungssatz für eine Klausur zu Das Nasobem könnte lauten: Das Gedicht Das Nasobem von Christian Morgenstern, erschienen erstmals 1908 in der erweiterten dritten Auflage der Galgenlieder, ist ein lyrischer Text, der ein fiktives Tier als scheinbaren Lexikoneintrag präsentiert und den Wissensanspruch großer Enzyklopädien spielerisch hinterfragt. Dieser Satz enthält Autor, Titel, Erscheinungsjahr, Gattung und Thema, ohne bereits zu deuten.
Der Hauptteil der Interpretation folgt der bewährten Reihenfolge: Inhalt, Form, Sprache, Deutung, Schluss. Im Inhaltsteil werden die drei Strophen kurz wiedergegeben, im Formteil Strophenzahl, Verszahl, Reimschema und Metrum belegt, im Sprachteil mindestens drei Stilmittel mit Textstellen benannt, im Deutungsteil eine Lesart mit zwei Stellen begründet.
Drei typische Fehler bei diesem Gedicht: Erstens wird 1932 häufig als Erscheinungsjahr genannt, weil diese Jahresangabe in bestimmten Ausgaben steht; belegt ist der Erstdruck jedoch für 1908. Zweitens benennen viele Schülerinnen und Schüler das Metrum zu sicher als Jambus oder Trochäus; das Quellenmaterial erlaubt nur die vorsichtige Beschreibung als wechselnd vier- und dreihebig. Drittens wird der Einschub (wie schon gesagt) in Strophe drei (V. 10) oft übergangen, obwohl er für die Deutung des Selbstbeglaubigungsgestus zentral ist. Wer diese drei Fallen kennt, hält die Interpretation nah am Text und vermeidet unbelegte Behauptungen.
Quellen und Stand
- Wikisource: Das Nasobēm (Morgenstern), Alle Galgenlieder, Diogenes 1981: de.wikisource.org (geprüft am 2026-09-30)
- Wikipedia: Nasobēm: de.wikipedia.org (geprüft am 2026-09-30)
- Wikipedia: Nasobēm, Abschnitt Nachwirkung: de.wikipedia.org (geprüft am 2026-09-30)
- Wikipedia: Galgenlieder: de.wikipedia.org (geprüft am 2026-09-30)
Die Einordnung „Christian Morgensterns Das Nasobem: Interpretation und Analyse“ fasst den vollständigen Zusammenhang zusammen.