Wissenschaftliches Schreiben – Stilregeln und häufige Fehler

Wissenschaftliches Schreiben – Stilregeln, die wirklich zählen

Lesezeit ca. 8 Min. · aktualisiert: 30. Mai 2025 · zurück zum Blog

Wissenschaftliche Texte unterscheiden sich nicht nur inhaltlich von Alltagssprache – sie haben eigene Stilkonventionen, die viele Studierende erst während der ersten Hausarbeit lernen. Wer diese Regeln kennt, schreibt nicht „besser" im klassischen Sinne, aber lesbarer für die Zielgruppe: Prüferinnen und Prüfer, die hunderte Arbeiten lesen. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Stilkonventionen zusammen, mit konkreten Beispielen und Hinweisen, wo der häufigste Stolperstein bei jedem Punkt liegt.

Sachlich, präzise, nachvollziehbar

Drei Begriffe fassen wissenschaftlichen Stil zusammen. Sachlich heißt: keine emotionale Wertung („beeindruckend", „unglaublich"), keine Werturteile ohne Beleg. Präzise heißt: jeder Begriff bedeutet genau eine Sache, statt mehrerer („Effekt" und „Wirkung" sind nicht gleichbedeutend). Nachvollziehbar heißt: jede Aussage ist durch Quelle oder eigene Forschung belegt. Wer diese drei Aspekte gleichzeitig im Auge behält, vermeidet 80 % der typischen Stilfehler.

Hedging – die wissenschaftliche Vorsicht

Hedging bezeichnet das vorsichtige Formulieren von Aussagen, die wissenschaftlich nicht absolut sicher sind. Statt „Der Klimawandel verursacht Dürren" schreibst du besser „Der Klimawandel trägt vermutlich zu einer Häufung von Dürreperioden bei". Hedge-Wörter sind: tendenziell, vermutlich, möglicherweise, scheint, deutet darauf hin, könnte. In Bachelor- und Masterarbeiten ist Hedging meistens angemessen – Studierende sind keine Autoritäten, sondern Forschende in der Ausbildung.

Passiv und Aktiv – wann welches?

Lange galt: Passiv ist der wissenschaftliche Stil. Heute differenzierter: Aktiv ist klarer und lebendiger („Müller untersucht …" statt „Es wird untersucht …"), Passiv ist sinnvoll, wenn der Handelnde unwichtig oder unklar ist („Die Daten wurden 2023 erhoben"). Faustregel: Aktiv im Theorieteil, Passiv eher im Methodikteil. Übermäßiger Passivgebrauch macht Texte träge und unpersönlich.

Nominalstil vs. Verbalstil

Nominalstil packt Verben in Substantive: „Die Durchführung der Befragung erfolgte 2023". Verbalstil aktiviert sie wieder: „Die Befragung erfolgte 2023" oder noch besser „Wir befragten die Teilnehmer 2023". Verbalstil ist kürzer, klarer, lebendiger. Wissenschaftlicher Nominalstil hat sich aus Imitation alter deutscher Verwaltungssprache eingebürgert – ist aber nicht erforderlich. Aktuelle Stilguides (Eco, Esselborn-Krumbiegel) plädieren für mehr Verbalstil.

Die Ich-Frage

„Ich" galt lange als verpönt im Wissenschaftsdeutsch. Inzwischen ist die Lage entspannter: in Geistes- und Sozialwissenschaften wird „ich" zunehmend akzeptiert, vor allem in qualitativer Forschung („In dieser Arbeit untersuche ich …"). In Naturwissenschaften und vielen empirischen Sozialwissenschaften bleibt der Plural („wir") oder unpersönliche Konstruktionen üblich. Die wichtigste Regel: konsistent bleiben innerhalb einer Arbeit.

Konjunktiv – indirekte Rede

Wenn du Aussagen aus anderen Quellen wiedergibst, nutzt du den Konjunktiv I: „Schmidt argumentiert, dass Lernen emotional sei". Das markiert die Aussage als fremde, nicht eigene Meinung. Im Konjunktiv-I-Tabu (vor allem mündlich) wird oft auf Konjunktiv II ausgewichen, was im wissenschaftlichen Schreiben aber unsauber ist. Mehr Stolperfallen unter Rechtschreibregeln.

Häufige Stilfehler – aus der Lektoratspraxis

Roter Faden und Argumentationskette

Eine wissenschaftliche Arbeit ist eine Argumentation, kein Aufsatz. Jedes Kapitel muss erkennbar zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen. Der „rote Faden" entsteht, wenn jedes Kapitel mit einem Hinweis auf die Forschungsfrage beginnt und mit einer Brücke zum nächsten Kapitel endet. Im Lektorat ist das oft der schwierigste Teil – Sprache lässt sich glätten, ein fehlender roter Faden braucht Umstrukturierung. Mehr im wissenschaftlichen Lektorat.

Zeitform – Vergangenheit oder Gegenwart?

Daumenregel: Forschungsergebnisse anderer in Vergangenheit („Müller zeigte 2020"), eigene Methoden im Methodikteil in Vergangenheit („Wir befragten 200 Personen"), generelle wissenschaftliche Aussagen im Präsens („Lernen findet emotional vermittelt statt"). Die Zeitform-Wahl ist heikler als sie aussieht – sei konsistent.

Beispiel: ein Satz, drei Stilstufen

So sieht ein typischer Satz auf drei Stilstufen aus:

Der dritte Satz ist nicht „besser" im moralischen Sinn, aber er passt zu einer wissenschaftlichen Arbeit – er ist präzise, sachlich und durch Quelle gestützt.

Dein Stilcheck – fünf Fragen vor der Abgabe

Eine sprachliche Endkontrolle ist eines der wirksamsten Werkzeuge vor der Abgabe – sie fängt typische Stilfehler in einem einzigen Durchgang ab. Mehr unter Bachelorarbeit Korrekturlesen und häufige Fehler in Bachelorarbeit und Masterarbeit.

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Häufige Fragen zum wissenschaftlichen Schreiben

Darf ich „ich" in einer Bachelorarbeit verwenden?

In Geistes- und Sozialwissenschaften meistens ja, vor allem in qualitativer Forschung. In Naturwissenschaften und vielen empirischen Disziplinen bleibt unpersönliche Form üblich. Frag deinen Lehrstuhl im Zweifel; viele Lehrstühle haben dazu eine eigene Empfehlung.

Wie lang sollten Sätze in wissenschaftlichen Texten sein?

Eine alte Faustregel sagt: nicht länger als 25 Wörter. Aktuelle Stilguides plädieren für Variation: kurze Sätze für klare Aussagen, längere für komplexe Argumentationen. Probleme entstehen vor allem bei Schachtelsätzen mit mehreren eingeschobenen Nebensätzen – dort verliert der Leser den Faden.

Was tun bei häufigen Wortwiederholungen?

Bei zentralen Fachbegriffen sind Wiederholungen okay – Synonyme stiften oft mehr Verwirrung als sie lösen. Bei Verben und allgemeinen Substantiven helfen Synonymvariation und Umformulierungen. Tools wie Duden Mentor markieren auffällige Wiederholungen automatisch. Mehr im Grammatik-Check.

Wann sollte ich Quellen direkt zitieren, wann paraphrasieren?

Direktzitate nur, wenn der genaue Wortlaut wichtig ist – z. B. Definitionen, prägnante Formulierungen einer Autorität, juristische Texte. Paraphrasen sind in den meisten Fällen besser, weil sie sprachlich integrierbar sind. Mehr in der APA-Anleitung.

Wie lerne ich wissenschaftlichen Stil am besten?

Lesen, lesen, lesen – Fachartikel der eigenen Disziplin sind die beste Vorlage. Außerdem hilft es, die eigene Arbeit nach jeder Schreibphase laut zu lesen; sperrige Stellen fallen sofort auf. Wer sehr unsicher ist, profitiert von einem professionellen Lektorat mit Stilfeedback.

Erkennt eine KI wissenschaftlichen Stil?

Tools wie DeepL Write oder Grammarly markieren stilistische Schwächen recht zuverlässig (Passiv, Nominalstil, Wortwiederholungen). Inhaltliche Schwächen – fehlende Argumentation, unklare These – erkennen sie nicht. Für Bachelor- und Masterarbeiten lohnt sich daher die Kombination aus Tool-Check und menschlichem Lektorat.