Wissenschaftliches Schreiben – Stilregeln und häufige Fehler
Wissenschaftliches Schreiben – Stilregeln, die wirklich zählen
Wissenschaftliche Texte unterscheiden sich nicht nur inhaltlich von Alltagssprache – sie haben eigene Stilkonventionen, die viele Studierende erst während der ersten Hausarbeit lernen. Wer diese Regeln kennt, schreibt nicht „besser" im klassischen Sinne, aber lesbarer für die Zielgruppe: Prüferinnen und Prüfer, die hunderte Arbeiten lesen. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Stilkonventionen zusammen, mit konkreten Beispielen und Hinweisen, wo der häufigste Stolperstein bei jedem Punkt liegt.
Sachlich, präzise, nachvollziehbar
Drei Begriffe fassen wissenschaftlichen Stil zusammen. Sachlich heißt: keine emotionale Wertung („beeindruckend", „unglaublich"), keine Werturteile ohne Beleg. Präzise heißt: jeder Begriff bedeutet genau eine Sache, statt mehrerer („Effekt" und „Wirkung" sind nicht gleichbedeutend). Nachvollziehbar heißt: jede Aussage ist durch Quelle oder eigene Forschung belegt. Wer diese drei Aspekte gleichzeitig im Auge behält, vermeidet 80 % der typischen Stilfehler.
Hedging – die wissenschaftliche Vorsicht
Hedging bezeichnet das vorsichtige Formulieren von Aussagen, die wissenschaftlich nicht absolut sicher sind. Statt „Der Klimawandel verursacht Dürren" schreibst du besser „Der Klimawandel trägt vermutlich zu einer Häufung von Dürreperioden bei". Hedge-Wörter sind: tendenziell, vermutlich, möglicherweise, scheint, deutet darauf hin, könnte. In Bachelor- und Masterarbeiten ist Hedging meistens angemessen – Studierende sind keine Autoritäten, sondern Forschende in der Ausbildung.
Passiv und Aktiv – wann welches?
Lange galt: Passiv ist der wissenschaftliche Stil. Heute differenzierter: Aktiv ist klarer und lebendiger („Müller untersucht …" statt „Es wird untersucht …"), Passiv ist sinnvoll, wenn der Handelnde unwichtig oder unklar ist („Die Daten wurden 2023 erhoben"). Faustregel: Aktiv im Theorieteil, Passiv eher im Methodikteil. Übermäßiger Passivgebrauch macht Texte träge und unpersönlich.
Nominalstil vs. Verbalstil
Nominalstil packt Verben in Substantive: „Die Durchführung der Befragung erfolgte 2023". Verbalstil aktiviert sie wieder: „Die Befragung erfolgte 2023" oder noch besser „Wir befragten die Teilnehmer 2023". Verbalstil ist kürzer, klarer, lebendiger. Wissenschaftlicher Nominalstil hat sich aus Imitation alter deutscher Verwaltungssprache eingebürgert – ist aber nicht erforderlich. Aktuelle Stilguides (Eco, Esselborn-Krumbiegel) plädieren für mehr Verbalstil.
Die Ich-Frage
„Ich" galt lange als verpönt im Wissenschaftsdeutsch. Inzwischen ist die Lage entspannter: in Geistes- und Sozialwissenschaften wird „ich" zunehmend akzeptiert, vor allem in qualitativer Forschung („In dieser Arbeit untersuche ich …"). In Naturwissenschaften und vielen empirischen Sozialwissenschaften bleibt der Plural („wir") oder unpersönliche Konstruktionen üblich. Die wichtigste Regel: konsistent bleiben innerhalb einer Arbeit.
Konjunktiv – indirekte Rede
Wenn du Aussagen aus anderen Quellen wiedergibst, nutzt du den Konjunktiv I: „Schmidt argumentiert, dass Lernen emotional sei". Das markiert die Aussage als fremde, nicht eigene Meinung. Im Konjunktiv-I-Tabu (vor allem mündlich) wird oft auf Konjunktiv II ausgewichen, was im wissenschaftlichen Schreiben aber unsauber ist. Mehr Stolperfallen unter Rechtschreibregeln.
Häufige Stilfehler – aus der Lektoratspraxis
- Verwendung von „nicht zuletzt" als Floskel ohne Inhalt.
- Doppelte Verneinung: „nicht unwesentlich" statt „wesentlich" oder „bedeutsam".
- Schwurbel-Phrasen wie „Es gilt zu beachten, dass …" – meist überflüssig.
- Substantivierungen: „die Durchführung der Auswertung der Daten" → „die Daten auswerten".
- Fehlende Verweise zwischen Kapiteln: jeder Theorieteil sollte explizit auf den Empirieteil hinweisen, der ihn verwendet.
- Aufzählungen mit „etc." – im wissenschaftlichen Schreiben unüblich, lieber „unter anderem" oder eine vollständige Liste.
Roter Faden und Argumentationskette
Eine wissenschaftliche Arbeit ist eine Argumentation, kein Aufsatz. Jedes Kapitel muss erkennbar zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen. Der „rote Faden" entsteht, wenn jedes Kapitel mit einem Hinweis auf die Forschungsfrage beginnt und mit einer Brücke zum nächsten Kapitel endet. Im Lektorat ist das oft der schwierigste Teil – Sprache lässt sich glätten, ein fehlender roter Faden braucht Umstrukturierung. Mehr im wissenschaftlichen Lektorat.
Zeitform – Vergangenheit oder Gegenwart?
Daumenregel: Forschungsergebnisse anderer in Vergangenheit („Müller zeigte 2020"), eigene Methoden im Methodikteil in Vergangenheit („Wir befragten 200 Personen"), generelle wissenschaftliche Aussagen im Präsens („Lernen findet emotional vermittelt statt"). Die Zeitform-Wahl ist heikler als sie aussieht – sei konsistent.
Beispiel: ein Satz, drei Stilstufen
So sieht ein typischer Satz auf drei Stilstufen aus:
- Umgangssprachlich: „Studis lernen besser, wenn sie was davon haben."
- Halbwissenschaftlich: „Studierende lernen effektiver, wenn die Inhalte für sie relevant sind."
- Wissenschaftlich: „Studierende zeigen höhere Lernleistungen, wenn sie eine subjektive Relevanz der Inhalte wahrnehmen (Schmidt, 2022)."
Der dritte Satz ist nicht „besser" im moralischen Sinn, aber er passt zu einer wissenschaftlichen Arbeit – er ist präzise, sachlich und durch Quelle gestützt.
Dein Stilcheck – fünf Fragen vor der Abgabe
- Habe ich Werturteile ohne Beleg? – Falls ja, mit Quelle ergänzen oder umformulieren.
- Sind alle Begriffe konsistent verwendet? – Glossar prüfen.
- Ist der rote Faden zwischen Kapiteln erkennbar? – Übergangssätze ergänzen.
- Sind Konjunktiv I für indirekte Rede konsequent? – Stichproben prüfen.
- Sind Aufzählungen mit „etc." rausgefiltert? – durch konkrete Listen ersetzen.
Eine sprachliche Endkontrolle ist eines der wirksamsten Werkzeuge vor der Abgabe – sie fängt typische Stilfehler in einem einzigen Durchgang ab. Mehr unter Bachelorarbeit Korrekturlesen und häufige Fehler in Bachelorarbeit und Masterarbeit.