Grounded Theory: Methode einfach erklärt

Grounded Theory – qualitative Theoriegenerierung

Lesezeit ca. 6 Min. · zuletzt aktualisiert: 26. April 2026 · alle Methoden

Grounded Theory ist eine qualitative Forschungsmethode, die in den 1960er-Jahren von Glaser und Strauss entwickelt wurde. Ihr Ziel: Eine Theorie nicht aus bestehender Literatur abzuleiten, sondern aus dem empirischen Material heraus zu entwickeln. „Grounded" heißt: in den Daten verankert. Wir zeigen dir das Vorgehen mit Open Coding, Axial Coding und Selective Coding – plus typische Fallstricke in der Bachelorarbeit. Diese Anleitung erklärt jede Phase mit konkreten Beispielen.

Wann passt Grounded Theory?

Wenn du ein wenig erforschtes Phänomen untersuchst, zu dem es kaum etablierte Theorien gibt. Wenn dagegen schon eine etablierte Theorie existiert und du sie testen willst, ist Grounded Theory das falsche Werkzeug – dann passt deduktive qualitative Inhaltsanalyse besser. Mehr im Methodik-Hub.

Drei Codierphasen

  1. Open Coding – jedes Datensegment wird einer ersten, offenen Kategorie zugeordnet. Ergebnis: viele kleine Codes.
  2. Axial Coding – Codes werden zu Hauptkategorien gruppiert, Beziehungen zwischen Kategorien werden identifiziert.
  3. Selective Coding – eine Kernkategorie wird identifiziert, alle anderen Kategorien werden um sie herum organisiert. Daraus entsteht die Theorie.

Theoretical Sampling

Anders als bei klassischen Stichproben legst du die Stichprobe nicht im Voraus fest. Stattdessen: Du befragst eine Person, codierst, leitest aus dem Befund ab, wen du als nächstes befragst. Beispiel: Wenn die ersten drei Interviews alle aus einem ähnlichen Hintergrund kommen, suchst du gezielt jemanden mit kontrastierender Sicht. Das setzt sich fort bis zur theoretischen Sättigung.

Theoretische Sättigung

Du bist „fertig", wenn neue Interviews keine neuen Codes mehr bringen. In der Bachelorarbeit ist das oft nach 8–15 Interviews der Fall, manchmal früher. Wichtig: nicht aufhören, weil die Zeit drängt – sondern weil die Theorie steht.

Memos

Während des Codierens schreibst du Memos – kurze Notizen über Beobachtungen, Vermutungen, Verbindungen zwischen Codes. Diese Memos sind später die Bausteine deiner Theorie.

Beispiel-Anwendung

Forschungsfrage: „Wie konstruieren Studierende ihre eigene Lernidentität in der digitalisierten Hochschule?"

Open Coding: Codes wie „Selbstvertrauen", „Vergleich mit anderen", „digitale Distanz", „Verbindlichkeit", „Einsamkeit" entstehen aus den ersten Interviews.

Axial Coding: Diese Codes werden gruppiert, z. B. zu „soziale Vergleichsprozesse" und „Bewältigungsstrategien".

Selective Coding: Die Kernkategorie wird „Identitätsarbeit unter Bedingungen digitaler Distanz" – alle anderen Kategorien werden um sie herum organisiert.

Software

MAXQDA, ATLAS.ti und NVivo unterstützen Grounded-Theory-Codierung mit visualen Werkzeugen. QDA Miner Lite (kostenlos) reicht für Bachelorarbeiten oft aus.

Häufige Fehler

Mehr typische Stolperfallen findest du in unserem Beitrag zu häufigen Fehlern in Bachelorarbeit und Masterarbeit. Im Lektorat wird besonders die methodische Konsistenz von Grounded-Theory-Arbeiten geprüft.

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Häufige Fragen zur Grounded Theory

Glaser oder Strauss/Corbin – welche Variante?

Es gibt zwei Schulen: Glaser bleibt strikt induktiv, Strauss/Corbin erlaubt etwas mehr theoretische Vorstrukturierung (z. B. das Codierparadigma). Für Bachelorarbeiten ist Strauss/Corbin oft handhabbarer, weil das Vorgehen klarer strukturiert ist. Schau in deinem Lehrstuhl-Leitfaden.

Wie viele Interviews brauche ich?

So viele bis zur theoretischen Sättigung – meist 8–15 für eine Bachelorarbeit. Wichtiger als die Zahl ist die Begründung, warum du aufgehört hast (z. B. „nach Interview 12 entstanden keine neuen Codes mehr").

Darf ich Literatur lesen, bevor ich anfange?

Strittig zwischen den Schulen. Glaser sagt nein („tabula rasa"), Strauss/Corbin sagt ja, aber zurückhaltend. Für eine Bachelorarbeit musst du sowieso einen Theorie-Teil schreiben – das ist akzeptiert, solange du im Codieren offen bleibst.

Was, wenn ich keine Theorie generieren kann?

Bei einer Bachelorarbeit ist das normal – eine vollständig neue Theorie zu entwickeln, ist eher Doktorarbeits-Niveau. Sprich von „theoretischen Hypothesen" oder „Konzepten", die deine Daten nahelegen, statt von einer fertigen Theorie.

Wie unterscheidet sich Grounded Theory von qualitativer Inhaltsanalyse?

Inhaltsanalyse ordnet Material vorhandenen Kategorien zu (oft deduktiv) und ist deskriptiver. Grounded Theory generiert neue Theorie aus dem Material (rein induktiv) und ist erklärungsstärker. Für reine Beschreibung eines Phänomens reicht oft Inhaltsanalyse – für Theoriegenerierung braucht man Grounded Theory.